Nicht dozieren, sondern fragen

Die neue Leiterin des NS-Dokumentationszentrums München erklärt, wieso die Beschäftigung mit der deutschen Vergangenheit gerade heute wichtig ist.

Mirjam Zadoff leitet das NS-Dokumentationszentrum München
Mirjam Zadoff leitet das NS-Dokumentationszentrum München NS-Dokumentationszentrum München/Orla Connolly

Mirjam Zadoffs Aufgabe ist es, Menschen zum Erinnern zu bringen. Seit 2018 ist sie Direktorin des NS-Dokumentationszentrums München. Zum Holocaustgedenktag, an dem die Welt der Opfer des Nationalsozialismus gedenkt, haben wir mit ihr über den wichtigen Kampf gegen das Vergessen gesprochen.

Frau Zadoff, es gibt nur noch wenige Zeitzeugen, die von ihren Erfahrungen berichten können. Es bedarf deshalb neuer Träger, Methoden und Medien gegen das Vergessen. Wie können wir uns auch ohne Zeitzeugen erinnern?
Erinnerung ist Arbeit. Es ist ein Prozess, der nie abgeschlossen ist. Die Erinnerungskultur muss immer neu auf gesellschaftliche Veränderungen reagieren – dazu gehören beispielsweise neue Medien, Computerspiele und Graphic Novels. Aber es geht nicht nur um „neue“ Methoden. Manchmal reichen andere Perspektiven auf Erprobtes – dann kann auch ein Plakatwettbewerb innovativ sein.

Ohne die Beschäftigung mit seiner Geschichte wäre Deutschland nicht das Land, das es heute ist.

Mirjam Zadoff, Leiterin des NS-Dokumentationszentrums München

Wie kann die Aufklärung der jungen Generation gelingen?
Indem wir nicht mit dem moralischen Zeigefinger dozieren, sondern die jungen Leute fragen, was sie bewegt, welche Sorgen sie haben, was sie von den Veränderungen in Europa halten, was sie über Flucht und Vertreibung denken, über Rassismus und Antisemitismus, über autoritäre Regime. Nicht um heute mit damals gleichzusetzen, sondern um zu verstehen, wie hoch der Wert einer liberalen Demokratie ist. Der Nationalsozialismus hat sich hier ereignet, in diesem Land. Das waren normale Menschen, die Hitler gewählt haben, die mitgelaufen sind, Täter wurden. Die Nazis kamen ja nicht vom Mond und sind auch nicht 1945 wieder dorthin verschwunden.

Wie reagieren Sie auf Forderungen nach einer „Kehrtwende“ in der deutschen Erinnerungskultur?
Ohne seine Geschichte und ohne die Beschäftigung mit dieser Geschichte wäre Deutschland nicht das Land, das es heute ist. Das unterscheidet uns von anderen Ländern. Und so denken viele im In- und Ausland.

Immer mehr Menschen suchen in Anbetracht der politischen Veränderungen in Europa und den USA nach Antworten in der Vergangenheit: Warum entstehen Diktaturen? Warum wählen Menschen liberale Demokratien ab und entscheiden sich für autoritäre Regime? Warum sind Gleichberechtigung, Offenheit und Vielfalt unter Beschuss geraten? Wir beobachten ein neu erwachtes Interesse an Geschichte, vor allem an der Geschichte des 20. Jahrhunderts. Für unser Programm bedeutet dies, dass wir immer internationaler, interdisziplinärer und partizipativer werden.

Was hat Sie dazu bewogen, Direktorin des NS-Dokumentationszentrums in München zu werden?
Das Haus ist eine unglaubliche Chance, im Austausch mit Münchnerinnen und Münchnern, aber auch mit Menschen aus aller Welt, den Nationalsozialismus und die Erinnerung daran im Gespräch zu halten. Wir bieten ein Forum für wichtige gesellschaftliche Diskurse, die jetzt geführt werden müssen. Und wir wollen das Haus für alle öffnen, die noch nicht wissen, was hier am einstigen Standort der NSDAP-Parteizentrale vor über 70 Jahren geschehen ist, und was heute in dem weißen Würfel am Max-Mannheimer-Platz passiert.

Interview: Christina Iglhaut

© www.deutschland.de

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