Deutschland und Kanada: 75 Jahre Partnerschaft – mit wachsender Bedeutung
1951 haben Deutschland und Kanada ihre diplomatischen Beziehungen aufgenommen. Aktuell gewinnt die freundschaftliche Verbindung an strategischem Gewicht.
75 Jahre deutsch-kanadische Beziehungen – das klingt zunächst nach Rückblick, Festakt und warmen Worten. Kanada datiert den Beginn der formellen Beziehungen auf den 10. Juli 1951, als seine Mission in Bonn zur Botschaft aufgewertet wurde; Deutschland eröffnete seine Botschaft in Ottawa am 8. November 1951. Aus der Nachkriegsverbindung ist eine jahrzehntelange Partnerschaft entstanden. Die Feierlichkeiten erstrecken sich über das gesamte Jahr 2026, unter dem Titel „75 Years: A Growing Partnership“. Das Motto passt, denn spannender als das Jubiläum selbst ist die aktuelle Entwicklung: Die beiden geografisch weit entfernten Länder rücken angesichts der angespannten Weltlage politisch, strategisch und wirtschaftlich enger zusammen denn je zuvor.
Die Weltlage schweißt Deutschland und Kanada zusammen
Russlands völkerrechtswidriger Angriffskrieg gegen die Ukraine, die Rückkehr harter Machtpolitik, neue Debatten über Abschreckung, Resilienz und Verteidigungsfähigkeit sowie die wachsende Sorge vor strategischen Abhängigkeiten verleihen dem freundschaftlichen Verhältnis von Berlin und Ottawa eine neue Dimension. Deutschland und Kanada verstehen sich als enge Partner in NATO und G7, beide Länder setzen auf Multilateralismus – und sehen sich mit derselben Frage konfrontiert: Wie verteidigt man offene Gesellschaften in einer Welt, in der Macht wieder offensiv eingesetzt wird?
Besonders deutlich wurde dies im Januar 2026 beim Weltwirtschaftsforum in Davos. Dort traf der kanadische Premierminister Mark Carney mit seiner viel beachteten Rede einen Nerv: Demokratien dürften sich nicht mehr allein auf die Kraft ihrer Werte verlassen, sondern müssten auch den Wert ihrer eigenen Stärke erkennen. Carney brachte eine Erfahrung auf den Punkt, die inzwischen viele westlich-liberale Staaten teilen: Werte wie Freiheit, Demokratie und die regelbasierte Ordnung garantieren keine Sicherheit, wenn es an wirtschaftlicher Stärke, technologischer Souveränität und militärischer Handlungsfähigkeit mangelt.
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Einverständniserklärung öffnenMerz und Carney vertiefen strategische Partnerschaft
Bundeskanzler Friedrich Merz griff Carneys Gedanken in Davos ausdrücklich auf: Angesichts der „tektonischen Verschiebungen“ wolle Deutschland seine Interessen klarer formulieren, seine Verteidigungsfähigkeit stärken, wirtschaftlich wettbewerbsfähig bleiben und enger mit verlässlichen Partnern – wie Kanada – zusammenarbeiten. Als Merz betonte, er teile Carneys Sicht, war das weniger höfliche Zustimmung als ein außenpolitisches Signal. Vor allem die sicherheitspolitische Zusammenarbeit von Deutschland und Kanada ist in den vergangenen Jahren und Monaten sichtbarer und gewichtiger geworden. Beide Länder kooperieren bei der Unterstützung der Ukraine, führen jeweils multinationale NATO-Verbände an der Ostflanke – und wollen ihre militärische Partnerschaft weiter ausbauen, etwa bei Ausbildung, maritimer Sicherheit und Rüstungsfragen. Bei strategischen Vorhaben zu Verteidigung, Industrie, Energie, kritischen Rohstoffen und Zukunftstechnologien stimmen sich Deutschland und Kanada zunehmend ab. Ein Beispiel ist die bilaterale Wasserstoffallianz: Kanada soll ein wichtiger Lieferant für Deutschlands saubere Energiebedarfe werden. Im Februar 2026 unterzeichneten beide Länder am Rande der Münchner Sicherheitskonferenz zudem die Absichtserklärung „Sovereign Technology Alliance“ zur engeren Zusammenarbeit bei digitalen Technologien.
Enge persönliche Bindungen
Die neue Nähe baut auf einem starken Fundament auf, das weit über diplomatische Beziehungen hinausreicht. In Kanada leben fast drei Millionen Menschen mit deutschen Wurzeln; rund 440.000 sprechen Deutsch – bis heute eine der wichtigsten Einwanderungssprachen des Landes. Umgekehrt leben in Deutschland rund 45.000 Kanadierinnen und Kanadier. Die Beziehungen zwischen beiden Ländern sind also auch biografisch, kulturell und familiär tief verankert. Die bereits 1951 gegründete Deutsch-Kanadische Gesellschaft pflegt ein enges Netzwerk und organisiert zahlreiche Austauschprogramme. Eine weitere tragende Säule ist die wissenschaftliche Kooperation mit bislang über 1.500 gemeinsamen Forschungsprojekten. Hinzu kommt rund ein Dutzend Städtepartnerschaften. Den Anfang machten die baden-württembergische Stadt Lahr und Belleville im Südosten Kanadas im Jahr 1972. Hervorgegangen ist die Verbindung aus der Stationierung kanadischer Streitkräfte: Lahr war eines der Hauptquartiere, insgesamt dienten zwischen 1951 und 1994 mehr als 100.000 kanadische Militärangehörige in Deutschland.
Neue wirtschaftliche Dynamik
Zu den vielfältigen persönlichen Bindungen kommt ein reger wirtschaftlicher Austausch beider Länder. Der Handel von Waren und Dienstleistungen zwischen Deutschland und Kanada erreichte 2024 fast 40 Milliarden kanadische Dollar; Deutschland ist Kanadas größter und wichtigster Handelspartner in der Europäischen Union (EU). Für zusätzlichen wirtschaftlichen Schwung sorgte das Freihandelsabkommen CETA von Kanada und der EU. Es erscheint heute in einem neuen Licht: als wichtiger Baustein wirtschaftlicher Resilienz unter verlässlichen Partnern.
Was ist CETA?
Seit dem vorläufigen Inkrafttreten des Freihandelsabkommens CETA (Comprehensive Economic and Trade Agreement) zwischen der EU und Kanada im September 2017 ist der bilaterale Handel mit Waren und Dienstleistungen um 72 Prozent gestiegen. Im Jahr 2024 belief sich der Wert des reinen Warenhandels auf fast 76 Milliarden Euro. Er umfasst vor allem Maschinen, Fahrzeuge, chemische Erzeugnisse sowie Energieprodukte und Erze. Bisher haben 17 der 27 EU-Staaten den Ratifizierungsprozess abgeschlossen – Deutschland Anfang 2023. Der größte Teil des Abkommens (insbesondere der Zollabbau) wird bereits vorläufig angewendet. Einige Länder, zum Beispiel Frankreich, haben noch Bedenken, etwa wegen möglicher Konkurrenz für die heimische Landwirtschaft.