Heiter bis wolkig

Wechselseitige Wahrnehmung: Das Deutsch-Polnische Barometer zeigt im Jubiläumsjahr viel Licht und etwas Schatten

Die „Brücke der Freundschaft“ verbindet Zgorzelec und Görlitz.
Die „Brücke der Freundschaft“ verbindet Zgorzelec und Görlitz. dpa

Wenn Wissenschaftler ihre Forschungen präsentieren, stehen üblicherweise die Ergebnisse im Mittelpunkt. So war es auch bei der Vorstellung des Deutsch-Polnischen Barometers 2020. Und doch lohnt es sich, kurz innezuhalten und zunächst die Institution selbst zu würdigen. Denn das bilaterale Barometer feiert in diesem Jahr zwanzigsten Geburtstag, auch wenn die polnisch-deutschen Wahrnehmungsstudien „anfänglich nicht unter diesem Titel veröffentlicht wurden“. So betonen es Agnieszka Łada und Jacek Kucharczyk, die bei der Jubiläumsauflage die Federführung hatten.

Die Politikwissenschaftlerin und der Soziologe kennen sich gut. Łada ist seit einem halben Jahr stellvertretende Direktorin des Deutschen Polen-Instituts in Darmstadt. Zuvor leitete sie aber viele Jahre das Europa-Programm des Instituts für Öffentliche Angelegenheiten in Warschau, einer der renommiertesten polnischen Denkfabriken, deren Präsident Kucharczyk ist. Die beiden sind also ein eingespieltes Team, und es ist nicht zuletzt die Kontinuität in der Forschungsarbeit, die das Barometer für Fachleute wie Laien gleichermaßen so wertvoll macht. Klar ist: Wer sich für den Stand und die Perspektiven der deutsch-polnischen Beziehungen interessiert, kommt um das Barometer nicht herum, an dem auch die Konrad-Adenauer-Stiftung, die Stiftung für Deutsch-Polnische Zusammenarbeit und die Deutsch-Polnische Wissenschaftsstiftung beteiligt sind.

Zwanzig Jahre Deutsch-Polnisches Barometer

Łada und Kucharczyk selbst formulieren es so: „Trotz wechselnder thematischer Schwerpunkte gab es von Beginn an ein Set wiederkehrender Fragen, so dass wir mittlerweile die einzigartige Möglichkeit haben, die Dynamik des Meinungsbildes in Bezug auf das jeweilige Nachbarland detailliert nachvollziehen zu können.“ Dass diese Dynamik enorm war und ist, liegt auf die Hand, wenn man die vergangenen zwei Jahrzehnte als Ganzes in den Blick nimmt. Schließlich hatten das unabhängige Polen und das wiedervereinigte Deutschland beim Millenniumswechsel gerade einmal zehn Jahre Zeit gehabt, die nachbarschaftlichen Beziehungen nach dem Ende des Kalten Krieges auf ein neues, ein freundschaftliches Fundament zu stellen.

Die Zeit der Witze ist überwunden

Es kann deshalb auch nicht verwundern, dass die Ergebnisse der aktuellen Barometerstudie neben viel Licht auch etwas Schatten zeigen. Besonders freuen können sich alle, die sich noch an die Ära der „Polenwitze“ in Deutschland erinnern. Um die Jahrtausendwende herum befeuerten Unterhaltungsprofis wie Harald Schmidt das schon damals falsche Stereotyp von den verarmten, faulen und trinkfreudigen Polen. Darüber jedoch ist die Zeit längst hinweggegangen. Nur noch vier Prozent der Deutschen assoziieren mit dem (vor der Corona-Krise) dauerboomenden Wirtschaftswunderland Polen Begriffe wie Kriminalität und Unordnung. Fast jeder dritte Bundesbürger denkt dagegen heute bei Polen an Kultur, Tourismus und Sprache.

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dpa

Polen genießen in Deutschland hohe Sympathie

Mehr als die Hälfte der Deutschen finden ihre Nachbarn jenseits von Oder und Neiße zudem sympathisch. 55 Prozent der Befragten äußerten sich so. Das ist der gleiche Wert, auf den die traditionell populären Briten kommen. Die Polen sind in Deutschland auch beliebter als die Amerikaner (50 Prozent). Nur die Franzosen (68) wecken noch mehr Sympathien. Umgekehrt tendieren viele Polen beim Blick nach Westen nach vielen Jahren besonders hoher Sympathiewerte nun „zu einer eher neutralen Bewertung“, wie Łada und Kucharczyk konstatieren. Deutschland werde zwar noch immer positiver gesehen als das eigene Land. Aber: Die Entwicklung im Osten geht offenkundig mit sinkender Bewunderung für den Westen einher.

Oder steckt doch mehr dahinter? Es ist ein offenes Geheimnis, dass sich die deutsch-polnischen Beziehungen nach dem Machtwechsel in Warschau 2015 verschlechtert haben. Das Barometer 2020 zeigt ein klares Ergebnis: „Die Verschlechterung in den Bewertungen Deutschlands ist [auch] eine Folge der negativen, mitunter antideutschen Rhetorik mancher Politiker der Regierungspartei und der von ihr kontrollierten Medien und Institutionen.“ Ein thematisches Zentrum bildet dabei die schwierige gemeinsame Geschichte, insbesondere der Zweite Weltkrieg.

Die Vergangenheit spielt weiter eine große Rolle

Das zeigt sich besonders beim Blick auf zwei „Wortwolken“, die im Barometer abgebildet sind. Dabei werden in einer Grafik jene Begriffe am kräftigsten dargestellt, die von den Befragten als Assoziation mit dem Nachbarland am häufigsten genannt werden. In der deutschen Wolke treten Wörter wie „schön“, „Nachbarland“ oder „Urlaub“ hervor. In der polnischen Wolke dagegen steht der Begriff „wojna“ (Krieg) klar im Zentrum, auch wenn „sąsiad“ (Nachbar) ebenfalls hervorsticht. Heißt das, dass die Vergangenheit alles Weitere bestimmt? Keineswegs. Im Barometer ist schließlich auch zu lesen: „Die Mehrheit der Deutschen und der Polen vertreten die Meinung, dass man sich in den gegenseitigen Beziehungen auf die Gegenwart und die Zukunft konzentrieren sollte.“

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