Ansichten: Bahaeddin Güngör

Interview zu „25 Jahre Deutsche Einheit“

Der langjährige Leiter der Türkischen Redaktion der Deutschen Welle über das Erleben des Mauerfalls in der Türkei und deutsch-türkische Perspektiven auf die Geschichte.

1989 arbeiteten Sie als Türkei-Korrespondent für mehrere deutsche Medien. Wie haben Sie den Fall der Berliner Mauer erlebt?

Aus journalistischer Sicht war das für mich schmerzhaft: Ich bin 1961, im Jahr des Mauerbaus, als Elfjähriger aus der Türkei in die Bundesrepublik gekommen und habe dort auch meine journalistische Laufbahn begonnen; den deutschen Pass habe ich seit 1978. Das große Ereignis des Mauerfalls und die Begeisterung der Menschen hätte ich lieber in Berlin direkt erlebt. Andererseits habe ich mich natürlich sehr gefreut, gerade für die Menschen, denen in der DDR Unrecht widerfahren ist.

Wie wurden Mauerfall und Wiedervereinigung seinerzeit in der Türkei wahrgenommen?

Auch in der Türkei gab es Freude über die Wiedervereinigung, aber auch Unsicherheit, was dieser Wandel für die eigene politische Position bedeuten würde. Es gab Sorgen, dass man durch das Ende des Ost-West-Konflikts als Partner des Westens an Bedeutung verlieren könne, trotz der Nato-Mitgliedschaft der Türkei. Doch schon durch den Golfkrieg von 1991 wurden diese Sorgen relativiert und gerade heute wird die Türkei als Partner benötigt, was schon der Blick auf die Lage in Syrien und im Irak zeigt. Umso wichtiger ist es, dass sich die Türkei wieder mehr gegenüber Europa öffnet.

Was sind Ihre Eindrücke vom Zusammenwachsen zwischen Ost- und Westdeutschland seit der Wiedervereinigung?

Auch nach 25 Jahren bleibt noch eine Menge zu tun. Mit der Wiedervereinigung sind schließlich gegensätzliche Erwartungshaltungen und jahrzehntelange Erfahrungen aus politisch völlig verschiedenen Systemen aufeinandergeprallt. Wir dürfen aber nie vergessen, dass die Überwindung der Teilung und die Wiedervereinigung redlich erarbeitet wurden. Daraus können wir auch heute noch lernen, wie sehr sich beharrliches Kämpfen für Demokratie lohnt.