Einsatz für Flüchtlinge

Tausende Menschen in Deutschland erleichtern Flüchtlingen ihre Ankunft in Deutschland und helfen bei der Integration. Die Initiativen sind vielfältig: Sie reichen von Fußballprojekten über rechtliche Unterstützung und Deutschkurse bis hin zu neuen Ansätzen einer Flüchtlingsforschung

In den Umkleiden des Leipziger Sportvereins SV Lindenau 1848 e. V. hängt eine große Weltkarte. 30 Länder sind darauf mit Fähnchen markiert – jene Nationen, aus denen die etwa 550 Vereinsmitglieder stammen. Nachdem Anfang 2014 nahe der Sportanlage eine Flüchtlingsunterkunft eröffnet wurde, kicken heute etwa 15 Flüchtlinge regelmäßig beim SV Lindenau – als Mannschaftsmitglieder wie alle anderen.

Für Spieler, die sich die Ausrüstung nicht leisten können, sammelt der Verein Fußballschuhe und Kleidung. Bei Sprachhürden helfen andere Mitglieder oder Ehrenamtliche beim Übersetzen, manchmal verständigt man sich auch mit Händen und Füßen. Aber auch das funktioniert. „Denn letztlich“, sagt Björn Mencfeld, Vorstandsmitglied und seit zwei Jahren ehrenamtlicher Fußballtrainer beim SV Lindenau, „wollen alle Fußball spielen.“

Unterstützt wird der SV Lindenau seit einigen Monaten durch das neue Förderprogramm „1:0 für ein Willkommen“ des Deutschen Fußball-Bundes. Bis Mitte 2015 hat es 270 Profi- und Amateurvereinen Starthilfe bewilligt, die Flüchtlinge aufnehmen. Damit können Trainer bezahlt, Mitgliedsbeiträge übernommen, Trikots gekauft werden. Insgesamt stehen 600 000 Euro für 2015 und 2016 bereit, auch die Bundesregierung beteiligt sich finanziell.

Sportvereine leisten einen kleinen Beitrag zur Flüchtlingsfrage, die in Deutschland immer häufiger gestellt wird. Denn so viele Asylbewerber wie im Jahr 2015 kamen noch nie zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik in einem Jahr ins Land. Die Bundesregierung rechnet im laufenden Jahr 2015 mit der Rekordzahl von 800 000 Flüchtlingen in Deutschland – fast viermal so viele wie 2014.

In ganz Deutschland entstehen deshalb immer neue Projekte, die Flüchtlingen die Ankunft in der neuen Heimat erleichtern. Die Ansätze reichen von der Vermittlung privater WG-Zimmer an Asylsuchende über Rechtsberatung von Jurastudenten für Flüchtlinge in zahlreichen deutschen Städten bis hin zu Initia­tiven wie „Herzliches Hamburg“, in der Bürger die Kinder der Flüchtlinge betreuen, Kleider sammeln, beim Deutschlernen und bei Behördengängen helfen. Kunstprojekte wie die Hamburger „Silent University“ – eine Hochschule mit Flüchtlingen als Dozenten – bilden Plattformen zum Wissensaustausch.

Während sich inzwischen viele Menschen mit immer neuen Ideen für Flüchtlinge engagieren, wachsen in manchen Teilen der Bevölkerung jedoch irrationale Ängste, Vorbehalte und Feindseligkeit. Übergriffe auf Flüchtlingsunterkünfte in Deutschland nahmen zuletzt beängstigend zu, bis zum 31. August 2015 wurden seit Beginn des Jahres mehr als 340 Delikte gezählt. Gleichzeitig machen die seit Jahren wachsenden Flüchtlingszahlen deren Unterbringung, Registrierung und Versorgung für die Behörden zu einem immer größeren Kraftakt. Allein im ersten Halbjahr 2015 wurden 340 000 Asylanträge in den 28 EU-Staaten gestellt. Das alles verstärkt Diskus­sionen über Aufnahmequoten ebenso wie den Streit über die Kostenaufteilung zwischen Bund, Ländern und Kommunen. Um die Asylverfahren zu entlasten, fordern einige deutsche Parteien ein ­Einwanderungsgesetz. In einer Rede ­betonte Bundesaußenminister Frank-
Walter Steinmeier: „Die Zeit ist reif für ein Einwanderungsgesetz, das den demografischen Realitäten in diesem Land Rechnung trägt, in dem mittlerweile jeder fünfte Wurzeln im Ausland hat.“

Gerade wenn es um Menschenschmuggel oder um Menschenrechte geht, mangelt es nach Ansicht einiger Forscher in der öffentlichen und politischen Diskussion an Wissen. „Asylpolitik wird noch immer teilweise aus Vermutungen heraus gemacht“, sagt Olaf Kleist vom Refugee Studies Centre in Oxford. Kleist plädiert dafür, der Flüchtlingsforschung einen festen Platz in 
der deutschen Wissenschaft einzuräumen – und geht nun einen 
ersten Schritt in diese Richtung: Seit April 2015 koordiniert er das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderte „Netzwerk zu Grundlagen der Flüchtlingsforschung“, einen Zusammenschluss von 14 Wissenschaftlern, darunter Politikwissenschaftler, Soziologen, Juristen, Historiker, Ethnologen und Psychologen.

Das Mitte 2013 von Kleist und anderen Wissenschaftlern gegründete multi­disziplinäre „Netzwerk Flüchtlingsforschung“ sammelt zudem wichtige Informationen zu Forschungen, Projekten ­sowie Publikationen und betreibt in­zwischen auch einen „FlüchtlingsforschungsBlog“. Dass von solcher Forschung alle Seiten profitieren können, erkennen mittlerweile immer mehr Behörden und staatliche Einrichtungen, freut sich Kleist: „Kürzlich hat eine Kommune eine Studie zu ehrenamtlicher Flüchtlingsarbeit in Auftrag gegeben, und es gibt auch immer mehr Zusammenarbeit zwischen Aufnahmeeinrichtungen und Wissenschaft.“ ▪