Wo Kühe Energie liefern

Ein kleiner Ort in Mecklenburg-Vorpommern zeigt, wie es geht: Das Bioenergiedorf Bollewick produziert mehr Strom und Wärme aus erneuerbaren Quellen, als es verbraucht.

Burkhard Peter - Bioenergy Bollewick
Burkhard Peter - Bioenergy Bollewick Burkhard Peter - Bioenergy Bollewick

Das Dorf Bollewick ist ein Idyll, rund 120 Kilometer nördlich von Berlin gelegen. Ruhig und beschaulich. Auf den ersten Blick. Auf den zweiten sieht die Sache anders aus, denn hier wirkt man tatkräftig an der Energiewende mit: Die 670-Seelen-Gemeinde in Mecklenburg-Vorpommern ist ein „Bioenergiedorf“ – ein Ort, der auf natürlich erzeugte Energie und ressourcenschonende Technologien setzt. So kommt es, dass die 450 Rinder des aus den Niederlanden stammenden Landwirts Henk van der Ham eben nicht nur Milch und Fleisch liefern, sondern durch ihre Verdauungsreste auch den Stoff für eine Biogasanlage, die Strom und Wärme erzeugt.

In Biogasanlagen wird durch vergorene Biomasse, wie Gülle, Stalldung und Pflanzen, Gas erzeugt, das ein Blockheizkraftwerk in Strom umwandelt. Die dabei entstehende Abwärme kann zum Heizen genutzt werden. Anders als Wind- und Sonnenkraftanlagen können Biogasanlagen permanent Energie erzeugen, womit sie eine echte Alternative zu Atom- und Kohlekraftwerken darstellen.

Biostrom für 2800 Haushalte

Selbstverständlich ist die saubere und verlässliche Energie nicht ohne Infrastrukturinvestitionen zu haben: In Bollewick wurden unter anderem so genannte Wärmeübergabestationen gebaut und gut drei Kilometer Rohre verbuddelt, um die Haushalte mit den inzwischen zwei Biogasanlagen zu verbinden. Überschüssiger Strom wird ins öffentliche Netz eingespeist. Und davon gibt es reichlich. Mittlerweile werden mit dem Biostrom mehr als 2800 Haushalte versorgt, 54 Bollewicker Familien heizen mit der Abwärme aus den beiden Biogasanlagen. Auf diese Weise zahlen die Hausbesitzer rund ein Drittel weniger Heizkosten. Die bisherige Energiesparbilanz des Dorfes: mindestens 70 Prozent der benötigten Wärme kommen quasi aus dem Kuhstall, wobei 250.000 Liter Öl und Gas jährlich eingespart werden, darunter allein 50.000 Liter für die Beheizung der „Kulturscheune“.

Die wiederum ist eine doppelte Attraktion: Zum einen gilt der 130 Jahre alte Bau als Deutschlands größte „Feldsteinscheune“ – ein Konstrukt aus Feld- und Backsteinen, das zu vielerlei Zwecken genutzt wird. Zum anderen sorgen die knapp 1000 Quadratmeter Solarzellen auf dem Scheunendach für Strom – der übrigens auch durch die Kabel im Büro von Bürgermeister Berthold Meyer fließt. Meyer, ein gebürtiger Bollewicker, hat die Entwicklung zum „Bioenergiedorf“ maßgeblich angetrieben. Der Ort ist die sechste Gemeinde in Mecklenburg-Vorpommern, die sich so nennen darf.

Sparsame Straßenlaternen

Der eingeschlagene Weg wird beharrlich weiter verfolgt. So werden die Straßen nun nicht mehr von stromfressenden 80-Watt-Glühbirnen beleuchtet, sondern von 20-Watt-LED-Leuchten. Laut Bürgermeister Meyer spart man damit jährlich etwa 7000 Euro Stromkosten. Derzeit werden vier gemeindeeigene Wohnblöcke an eine dritte Biogasanlage eines Landwirts angebunden. Außerdem überlegen die Bollewicker, ob es sinnvoll sein könnte, energieintensive Firmen anzusiedeln, die im Sommer überschüssige Abwärme der Biogasanlagen nutzen. Zusammen mit sieben Nachbargemeinden arbeitet Bollewick zudem an einem Konzept, wie sich Holzabfälle nutzen lassen. Berthold Meyer schwebt ein gemeinsames Depot vor, in dem Baum- und Rasenschnitt getrocknet und zu Holzpellets oder Hackschnitzeln für private Hausheizanlagen verarbeitet werden kann. Auf dem Land gedeiht die Zukunft.

12.09.13

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