Eine Frage der Verantwortung

Franziska Gehann arbeitet als Freiwillige für ein Jahr in Verdun, Symbol des Ersten Weltkriegs.

Jonas Ratermann - Franziska Gehann

„Rund um Verdun ist es heute sehr grün. Wenn man nicht weiß, dass es sich um die Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs handelt, sieht man bloß hügelige Wiesen und Wälder. Nach dem Krieg war das eine Mondlandschaft, voller Granatlöcher und zerfurcht von Schützengräben. Seit fast einem Jahr bin ich nun hier. Ich arbeite in einer Einrichtung für Friedensarbeit und Menschenrechte, dem Centre Mondial de la Paix, und betreue unter anderem Schülergruppen aus Deutschland. Die Jugendlichen sind meistens tief beeindruckt von den Schlachtfeldern und den riesigen Friedhöfen mit den vielen Kreuzen – weiße Kreuze für die Franzosen, schwarze für die Deutschen.

Wenn ich von meinem Freiwilligendienst erzähle, reagieren die Franzosen meistens erstaunt. ‚Das hat mit deiner Generation doch gar nichts zu tun – warum machst du das?’ Ich sage dann, dass wir als junge Deutsche zwar keine Verpflichtung, aber eine Verantwortung haben, und dass die deutsch-französische Freundschaft nicht selbstverständlich ist. Als vor Kurzem im Beinhaus von Douaumont, einer Gedenkstätte für Soldaten, zum ersten Mal der Name eines Deutschen eingraviert werden sollte, gab es viele Diskussionen. Die meisten Familien in Frankreich haben einen engen emotionalen Bezug zu Verdun. Die Franzosen wechselten ihre Truppen damals häufiger aus als die Deutschen, etwa alle zwei Wochen. Deshalb war die Mehrzahl der französischen Soldaten einmal hier.

Verdun hat heute rund 20 000 Einwohner. Die Stadt erreichte nie wieder die Größe, die sie vor dem Ersten Weltkrieg hatte. Ich muss sagen, dass ich wenig über die Gegend wusste, bevor ich herkam. Erst nach und nach habe ich erfahren, wie stark die ganze Region durch den Krieg geprägt ist. Immer noch werden Knochen gefunden, und manche Gebiete sollte man nach wie vor nicht betreten – wegen der Granaten.“

FRANZISKA GEHANN // VERDUN

Die 19-Jährige aus Baden-Württemberg lebt als Freiwillige der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste (ASF) für ein Jahr in Verdun und unterstützt die Arbeit des „Centre Mondial de la Paix, des Libertés et des Droits de l‘Homme“. Das Zentrum ist ein Ort der Begegnung, Bildung und Information, auch über den Ersten Weltkrieg hinaus. So hat Franziska Gehann etwa dafür gesorgt, dass Besucher im Garten ein kleines Stück der Berliner Mauer betrachten können. Anlässlich des Ersten Weltkriegs, des „Grande Guerre“, vor 100 Jahren zeigt das Museum eine Sonderausstellung. Allein in der „Schlacht von Verdun“ 1916 starben nach Schätzungen rund 700 000 Soldaten. Das Bild zeigt Franziska auf dem Soldatenfriedhof am Ossuaire de Douaumont.

Protokoll: Clara Görtz, Helen Sibum, Foto: Jonas Ratermann