„Eine neue Dimension“

Gerhart Baum, 1977 Parlamentarischer Staatssekretär im Innenministerium, über den Deutschen Herbst.

Der ehemalige Bundesinnenminister Gerhart Baum (FDP)
Der ehemalige Bundesinnenminister Gerhart Baum (FDP) dpa

Herr Baum, wie haben Sie den Deutschen Herbst, konkret die Entführung der Lufthansa-Maschine „Landshut“ und die Befreiung der Passagiere am 18. Oktober 1977, erlebt?

Die Ereignisse waren singulär. Bis zu dem Tag waren Wirtschaftsführer oder politische Repräsentanten Ziel der Terroristen. Bei der Entführung der „Landshut“ war zum ersten Mal die Bevölkerung betroffen. Das war eine neue Dimension.

Es gab keine ernsthafte Überlegung nachzugeben.

Ehemaliger Bundesinnenminister Gerhart Baum (FDP)

Die Bundesregierung hat sich für die Stürmung der Lufthansa-Maschine entschieden. Hätte Sie auch anders handeln können?

Nein, es gab keine ernsthafte Überlegung nachzugeben.  Wir mussten verhindern, das inhaftierte RAF-Anführer freigepresst und mit Geld ausgestattet werden. Insgesamt war die Stimmung im Land aber auch nicht so, dass wir hätten nachgeben müssen.

Und wenn die Befreiung der Passagiere schief gegangen wäre?

Das wäre eine schlimme Niederlage gewesen. Bundeskanzler Helmut Schmidt wäre wohl zurückgetreten und die Bundesregierung hätte sich den Vorwurf gefallen lassen müssen, die Menschen nicht gerettet zu haben. Es ging ja nicht mehr nur um Schleyer, sondern um 91 weitere gefährdete Menschenleben.

Was ist die Lektion aus der Geschichte?

Man muss die Entschlossenheit zum Handeln mit geschickter Diplomatie verbinden, kühlen Kopf bewahren und nicht die Fassung verlieren.

Kann man den Terror von damals mit dem von heute vergleichen?

Es ist eine andere Art der Bedrohung., ein anderer Tätertyp. Damals kamen die Terroristen aus der Mitte der Gesellschaft, wir kannten sie. Heute wissen wir nur, aus welchem Feld die Täter kommen. Wir kennen nicht die einzelnen Personen. Verstärkt wird die Bedrohung durch die neuen Kommunikationsmöglichkeiten.

Was bedeutet das für die Terrorbekämpfung?

Es ist eine große Frage der Reaktion. Man kann nicht eine Sicherheitsmaßnahme an die andere reihen und durch Überwachung die Bürger der Freiheiten berauben. Es besteht die Gefahr der Überreaktion. Die vorhandenen Instrumente müssen nur konsequent angewendet werden.

Interview: Martin Orth