40 Jahre Deutscher Herbst

Wie der Terror der Rote Armee Fraktion 1977 die Bundesrepublik beherrschte.

Hanns Martin Schleyer vor dem Symbol der Rote Armee Fraktion (RAF)
Hanns Martin Schleyer vor dem Symbol der Rote Armee Fraktion (RAF) dpa

Das Foto des entführten und gefangenen Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer vor dem Symbol der „Roten Armee Fraktion“ (RAF) – Fünfzackstern und Maschinenpistole – hat sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt. Die Ereignisse zweier Herbstmonate des Jahres 1977 schienen in rasanter Beschleunigung auf eine Katastrophe hinzusteuern, die die Bundesrepublik zu zerreißen drohte:  Schleyers blutige Entführung, dann die Entführung einer Lufthansa-Maschine, deren Befreiung und der Tod dreier inhaftierter RAF-Anführer im Gefängnis von Stammheim. Mit den drei Toten von Stammheim war indessen der Höhepunkt des RAF-Terrors bereits überschritten, auch wenn die selbsternannte, selbstherrliche „Rote Armee Fraktion“ ein paar Jahre später eine zweite Welle nicht minder furchtbarer Anschläge ausführen konnte.

Der Staat war nicht vorbereitet

Damals, in den Monaten September und Oktober 1977, stand die „BRD“, wie sie von ihren Verächtern stets gekürzelt wurde, tatsächlich am Abgrund. Auf einen derartigen Generalangriff, wie ihn die RAF mit ihrer perfiden Strategie von Morden und Geiselnahmen ins Werk setzte, war der Staat nicht vorbereitet. Die Sympathie, derer sich die RAF zumindest anfangs bei der linken Intelligenz bis weit hinein ins linksliberale Bürgertum sicher sein konnte, hatte auf Seite des Staates und der Politik eine durchweg defensive Haltung zur Folge. Immer drohte der wirkmächtige Faschismus-Verdacht, gegen alles, was die Politik auch unternehmen mochte.

Die Saat keimte schon lange

All das kulminierte im „Deutschen Herbst“, wie er bald genannt wurde. Doch der Herbst ’77 entstand nicht so rasant wie die Ereignisse, die ihn prägten. Er keimte lange zuvor, in den Studentenprotesten der späten 1960er-Jahre, den Demonstrationen gegen den Vietnam-Krieg, vor allem in der Ablehnung der berüchtigten Notstandsgesetze vom Mai 1968, in denen ein Gutteil der Öffentlichkeit die Rückkehr zu einem autoritären, wenn nicht noch schlimmeren Staatsgebilde sah.

Der Boden war also bereitet, auf dem die Paranoia vom Polizeistaat gedeihen konnte. Gewiss – nach den ersten Terroraktionen wandten sich auch bis dahin wohlgesonnene Intellektuelle von der RAF und ihren Propagandisten ab. Nur war die Lawine bereits losgetreten. Gewalt tendiert notwendig dazu, sich andauernd selbst überbieten zu müssen. Die Ereignisse des Herbstes erzwangen eine so noch nie dagewesene Konfrontation. Die Bundesregierung Helmut Schmidts hat sie, unter Einschluss aller politischen Kräfte des Bundestags, angenommen und bestanden, freilich mit dem Glück der Flugzeug-Befreiung am 18. Oktober im fernen Mogadischu. Dass anderthalb Monate lang der faktische Ausnahmezustand eines verfassungsrechtlich nicht vorgesehenen „Krisenstabs“ als Regierung herrschte, mochte man hinterher nachsichtig beurteilen.

Die Demokratie ist daran gewachsen

Entscheidend war etwas anderes: dass sich die Gesellschaft der Bundesrepublik in nichts, aber auch gar nichts radikalisieren und zu unbedachten Reaktionen hinreißen ließ. Bonn ist nicht Weimar, lautete ein geflügeltes Wort der frühen Bundesrepublik: Hier wurde es empirische Wirklichkeit. Die RAF und ihre Gesinnungsgenossen glaubten in ihrer Verblendung, getreu dem Mao-Wort „im Volke wie der Fisch im Wasser schwimmen“ zu können. Das Gegenteil war der Fall. Diesen Kriminellen – wie politisch sie sich auch geben mochten – ward keine Unterstützung zuteil. Die Gesellschaft von Nachkriegsdeutschland erwies sich als stabil. Die Demokratie der Bundesrepublik, damals keine 30 Jahre alt und wohlbehütet im westlichen Bündnis, bestand ihre bis dahin schwerste Bewährungsprobe. Sie ist daran gewachsen.

Der Autor Bernhard Schulz ist Redakteur im Kulturressort des Tagesspiegels, Berlin.

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