Visionen entwickeln – und realistisch bleiben

In den Städten sind die globalen Herausforderungen besonders stark spürbar, sagt Michael Müller, Regierender Bürgermeister von Berlin. Doch dort entstehen auch die Lösungen. Ein Gespräch vor der VN-Konferenz Habitat III.

Sie engagieren sich als Vize-Präsident im internationalen Städtenetzwerk Metropolis. Warum ist die Zusammenarbeit der Städte wichtig?

Mehr als die Hälfte der Menschen wohnt in Städten. 2050 werden es voraussichtlich etwa 75 Prozent sein. Hier ballen sich die Probleme, hier gibt es aber auch die unterschiedlichsten Lösungsansätze. Durch Zusammenarbeit und Austausch können sich Städte und Metropolen vernetzen, um innovative Wege zu gehen. Wir können voneinander lernen.

Kann es überhaupt eine Blaupause für die Entwicklung von Städten geben? In Berlin herrschen doch ganz andere Bedingungen als in Mumbai oder Lagos.

Bei aller Unterschiedlichkeit reden wir im Kern von denselben Herausforderungen. Es geht um die Organisation des dauerhaften Zusammenlebens von Millionen Menschen auf begrenztem Raum. Als Beispiele nenne ich: Wohnraumversorgung, Zugang zu Wasser, Energie, Bildung und Gesundheit, eine klimaverträgliche Mobilität sowie Strategien für ein friedliches Zusammenleben bei unterschiedlichen Lebensentwürfen. Trotz aller Schwierigkeiten liegt auch ein entscheidender Schlüssel zur Lösung dieser Probleme in den Städten: Sie sind die zentralen Orte der Innovation. Das vielfältige Knowhow der kommunalen Verwaltungen und der Wissenschaftseinrichtungen auf der einen Seite sowie das Engagement der Bürgerinnen und Bürger unserer Metropolen auf der anderen Seite machen sie zu den Vorreitern des Fortschritts. Zeitgleich zum German Habitat Forum im Juni 2016 in Berlin fand die Messe Metropolitan Solutions statt, bei der die Smart City Berlin zum Beispiel innovative Lösungen für städtische Probleme präsentiert hat.

Auf dem Weltsiedlungsgipfel Habitat III im Oktober 2016 in Ecuador wollen die Vereinten Nationen eine „Neue Urbane Agenda“ beschließen. Was müssten deren Eckpunkte sein?

Eine von Berlin koordinierte Metropolis-Arbeitsgruppe hat ein erstes Positionspapier zu Habitat III und der geplanten Agenda entworfen, denn wir sind der Ansicht, dass vor dem Hintergrund des stetigen Wachstums der Städte ihre Stimme stärker gehört werden muss. Wir schlagen fünf Grundprinzipien für die Erarbeitung der Agenda vor. Erstens: Alle für Städte relevanten Ziele aus der Nachhaltigen Entwicklungsagenda und anderen international vereinbarten Dokumenten sollen aufgenommen werden. Zweitens: Die Agenda soll eine visionäre, aber ebenso handlungsorientierte Ausrichtung haben. Drittens: Die Bedeutung der Metropolen soll sich wiederfinden. Deshalb fordern wir die Einstufung von Metropolen als Zentren für nachhaltige Entwicklung. Viertens: Wir wollen die Partnerschaft mit Städten und die Kooperation zwischen allen beteiligten Institutionen auf allen Politikebenen und in allen relevanten Politikfeldern voranbringen. Und fünftens: Subsidiarität. Was vor Ort organisiert werden kann, muss nicht auf Ebenen darüber verregelt werden.

Was sind für Berlin die großen Herausforderungen der nächsten Jahrzehnte?

Berlin ist auf dem Weg zu einer Vier-Millionen-Metropole. Jährlich ziehen mehr als 40 000 Menschen hierher. Der Zuzug, der auch in den kommenden Jahren anhalten wird, zeigt die ungebrochen hohe Attraktivität Berlins als Wohn-, Arbeits- und Sehnsuchtsort. Er wird aber auch das Leben in der Stadt verändern. Hinzu kommt die Zuwanderung von Menschen aus Kriegs- und Krisengebieten. Viele werden bleiben und wir müssen sie in unsere Gesellschaft integrieren. Der Wandel der Lebenswelten – von der Freizeit bis zur Arbeit – durch die digitale Revolution ist ebenfalls von großer Bedeutung.

Inwiefern?

Das Leben in den Städten wird sich dadurch nachhaltig verändern – vergleichbar mit der industriellen Revolution im 18. und 19. Jahrhundert, nur voraussichtlich viel schneller. Verkehr, Arbeit, Kieze, das Lebensgefühl: Alles muss mit der wachsenden und sich wandelnden Stadt Schritt halten. Wir haben die Chance, unser Gemeinwesen mit Impulsen zu versehen und für mehr Lebensqualität und Wohlstand zu sorgen. Die Potenziale dafür haben wir in Berlin in vielen Bereichen, von der Wissenschaft bis zur Wirtschaft.

Sie waren 2015 bei der Metropolis-Jahreskonferenz in Buenos Aires. Was können deutsche und lateinamerikanische Metropolen voneinander lernen?

Berlin hat zwei Städtepartnerschaften in Lateinamerika: mit Buenos Aires und Mexiko-Stadt. Sie sind gute Beispiele dafür, wie Metropolen im engen Austausch voneinander lernen. Mit Buenos Aires sind wir eine Klimapartnerschaft eingegangen, vor allem im Bereich der energetischen Gebäudesanierung stimmen wir uns eng ab. Auch mit Mexiko-Stadt pflegt Berlin eine enge Zusammenarbeit. Schwerpunkte sind Kultur, Stadtentwicklung, Umweltschutz, Verkehr, Wasserversorgung, Abfallentsorgung und Recycling. Der Dialog erfolgt bei gegenseitigen Besuchen, bilateralen und internationalen Fachtagungen und durch den Austausch von Best-Practice-Modellen. ▪

Interview: Helen Sibum