„Wichtige Gesprächspartner“

Die Journalistin und Russland-Expertin Katja Gloger im Interview über die deutsch-russischen Beziehungen, gefährliche Propaganda und die Situation der Medienfreiheit in Russland.

privat - Katja Gloger

Vieles verbindet Deutschland und Russland – und manches trennt beide Länder, etwa die unterschiedlichen Sichtweisen auf die Ukraine-Krise oder Russlands Rolle im syrischen Bürgerkrieg. Auch bei solchen Konflikten fällt auf, wie sehr sich die Berichterstattung deutscher und russischer Medien unterscheidet. Russische Medien, wie zum Beispiel „Sputniknews“, versuchen zudem, auch in Deutschland Einfluss zu nehmen. Die Autorin und Russland-Expertin Katja Gloger schreibt in ihrem vielgelobten Buch „Putins Welt“ sogar von einem „Informationskrieg“.

Frau Gloger, in „Putins Welt“ beschreiben Sie unter anderem, wie Medien wie „Sputniknews“ oder „Russia Today“ im Interesse der russischen Staatsführung agieren. Wird die gesellschaftliche Funktion der Medien in Russland grundsätzlich anders verstanden als in Deutschland?

Das ist sicher so. Zum einen hat das historische Gründe. Es hat aber auch Gründe, die in der politischen Strategie der momentanen russischen Führung liegen. Kontrolle über Medien und damit die Stärkung des Staates ist ein zentrales Anliegen von Wladimir Putin. Schon zu Anfang seiner Präsidentschaft im Jahr 2000 hat er innerhalb weniger Monate die ihm kritisch gesonnenen und die unabhängigen Medien unter seine Kontrolle gebracht. Das betraf vor allem das Hauptmedium Fernsehen. Wenn wir uns die Entwicklung der vergangenen acht Jahre anschauen, dann erleben wir, dass russische Auslandsmedien sehr viel zielgerichteter nicht nur zur Verbreitung russischer weicher Propaganda eingesetzt werden, sondern auch um in anderen Ländern für Zweifel und Misstrauen zu sorgen, auch an den jeweiligen Machteliten

Was sind aus Ihrer Sicht die wirksamsten Mittel gegen manipulative Meinungsbildung?

Aufklärung ist natürlich wichtig. Es ist wichtig, dass klassische Medien, von ihren Kritikern oft als „Mainstream-Medien“ bezeichnet, ihre Arbeit richtig gut machen. Dazu gehört auch, Fehler transparent zu machen. Das ist eine wichtige vertrauensbildende Maßnahme und eine große Aufgabe, auch in unserer Medienlandschaft in Deutschland. Das ist für Medien in den ökonomisch schwierigen Zeiten nicht einfach, aber ich sehe keine andere Lösung. Ich wünsche mir eine intensivere Berichterstattung aus dem Ausland, gerade aus so komplizierten und wichtigen Ländern wie Putins Russland. Dort hatten wir es in den vergangenen 20 Jahren mit einem dramatischen Abbau an Korrespondentenstellen zu tun. Ich hoffe, dass es hier eine Kehrtwende gibt und dass erkannt wird, wie wichtig eine sorgsame, auf Erfahrung und eigenem Erleben in einem Land begründete Berichterstattung für die öffentliche Meinungsbildung ist.

Sie sind Vorstandsmitglied der deutschen Sektion von „Reporter ohne Grenzen“. Welche Freiheiten haben Journalisten in Russland?

Für die russische Führung ist die Sache ganz klar: In Russland herrschen Presse- und Meinungsfreiheit. Es wird schnell verwiesen auf die letzten oppositionellen oder staatskritischen Zeitungen wie etwa „Nowaja Gaseta“ oder der kleine, seit einiger Zeit nur noch im Internet zu empfangende Fernsehsender „Doschd“ oder auch die kritische Wochenzeitschrift „Nowoje Wremja“. Diese Medien agieren relativ unabhängig, sie stehen allerdings unter großem ökonomischen Druck und haben nur einen winzigen Markt von Menschen, die ohnehin dem Staat kritisch gegenüberstehen. In autoritären Systemen können kleine, unabhängige Medien ja durchaus auch ein Ventil sein für Frustration und Fragen. Sobald es um Massenmedien geht, greift ganz klar eine staatliche Kontrolle. Den vorgegebenen Inhalten hat man sich als Journalist entweder zu unterwerfen oder man arrangiert sich. 

Wenn wir über die Kommunikation auf zwischenstaatlicher Ebene sprechen: Wie beurteilen Sie die Chancen für offenen Dialog zwischen Deutschland und Russland?

Gerade Deutschland und Russland mit ihrer sehr engen Beziehung und großen Geschichte, sowohl im Guten wie im Bösen, haben immer intensive Kommunikation gepflegt, waren immer füreinander ein wichtiger Gesprächspartner. Wladimir Putin hat Deutschland von Anfang an als für ihn wichtigstes Land, zumindest in Europa, betrachtet. Deutschland hat im Lauf der Jahre mit Putin und seiner Umgebung einen vertrauensvollen Umgang gefunden – was nicht gleichzusetzen ist mit einem  unkritischen Umgang. Dieses professionelle Vertrauen ist allerdings nachhaltig erschüttert, wenn nicht sogar zerstört worden durch Putins Vorgehen in der Ukraine-Krise.

Sie schreiben in „Putins Welt“, dass Russland im Zuge der Ukraine-Krise mit Deutschland seinen „vielleicht wichtigsten strategischen Partner in der westlichen Welt“ verloren habe. Wie kann Ihrer Ansicht nach eine Annäherung erreicht werden?

Es ist eine Binsenweisheit, aber sie ist dennoch wahr: Ohne Russland ist dauerhafte Sicherheit und Stabilität in Europa nicht zu erreichen. Wir hoffen darauf, dass Russland sich auch weiterhin als mehr europäische, denn eurasische oder asiatische Macht betrachtet. Wir hoffen darauf, dass Europa Russland als Teil Europas begreift – und dabei ist Deutschland sicher der wichtigste Gesprächspartner und auch Russlands wichtigster ökonomischer Partner. Russland ist – und darin liegt auf Dauer eine große Chance – auf wirtschaftliches Know-how und auf die deutschen Exportgüter zur Modernisierung seiner Wirtschaft angewiesen. Auch dies verbindet, ähnlich fest übrigens wie Pipelines.

Interview: Johannes Göbel

Einen ausführlichen Audio-Mitschnitt des Interviews mit Katja Gloger finden Sie hier

 

 

Katja Gloger arbeitet als Autorin des Magazins „Stern“ zu den Schwerpunkten Russland, Internationale Politik und Sicherheitspolitik. Sie zählt zu den angesehensten deutschen Journalistinnen und wurde unter anderem 2014 vom „Medium Magazin“ als „Politikjournalistin des Jahres“ ausgezeichnet. Anfang der 1990er-Jahre arbeitete Katja Gloger als „Stern“-Korrespondentin in Moskau. Sie hat Waldimir Putin mehrfach interviewt; ihr 2015 erschienenes Buch „Putins Welt“ wurde als Analyse des Russlands der Gegenwart hochgelobt. 2017 ist eine aktualisierte und erweiterte Ausgabe des Buches erschienen.