Gegen Hass und Angst

Mehr als 80 Jahre liegen zwischen der Holocaust-Überlebenden Margot Friedlander und zwei Schülern aus Berlin. Was haben sie sich zu sagen?

Margot-Friedländer-Preis, Schwarzkopf-Stiftung
Katharina Bohm

Nur noch wenige Menschen können im Jahr 2017 als Zeitzeugen vom Holocaust erzählen. Margot Friedlander, die als deutsche Jüdin Verfolgung, Krieg und Konzentrationslager überlebte, ist eine von ihnen. Unermüdlich berichtet die 96-Jährige von ihrer Vergangenheit. Auf zahllosen Veranstaltungen und vor Hunderten Schulklassen hat sie aus ihrer Autobiografie gelesen und mit Jugendlichen diskutiert. 

2014 rief sie gemeinsam mit der Schwarzkopf-Stiftung Junges Europa den Margot-Friedländer-Preis ins Leben. Ausgezeichnet werden Schulprojekte, in denen sich Jugendliche mit dem Holocaust und Erinnerungskultur auseinandersetzen.

Minh-Thien Nguyen (13) und Felix Röhlke (14) gehören zu den Jugendlichen, die den Preis bekommen haben. Gemeinsam mit anderen Schülern der Carl-Bosch-Oberschule in Berlin haben sie das Denkmal „Moving Sculptures“ entwickelt. Die beiden möchten sich dafür einsetzen, dass die Gräuel der Geschichte nicht vergessen werden. Ihr Denkmal macht auf die sogenannten Euthanasie-Morde an Menschen mit körperlichen und geistigen Behinderungen aufmerksamen. Solche Taten ereigneten sich zwischen 1941 und 1945 auch in einer Klinik ganz in der Nähe ihrer Schule. 

Ich will vermitteln, was Hass und Angst mit einer Gesellschaft machen können.

Felix Röhlke, Schüler

Welchen Stellenwert haben Erinnerung und Gedenken heute für junge Menschen? Darüber spricht Margot Friedlander an einem Nachmittag in Berlin mit ihren beiden jungen Gästen. Felix Röhlke erzählt, dass er nach einem Besuch im Konzentrationslager Auschwitz beschloss, an dem Schulprojekt mitzuarbeiten. Ein weiterer Antrieb: „Ich habe das Gefühl, dass immer mehr Menschen andere wegen Äußerlichkeiten oder ihrer Meinung verachten.“ Er wolle später auch seinen Kindern vermitteln, „was im Nationalsozialismus Schreckliches passiert ist und was Hass und Angst mit einer Gesellschaft machen können“.

Auch Minh-Thien beobachtet mit Sorge, „dass Menschen anderer Herkunft und Ältere immer mehr ausgegrenzt werden“. Mahnmale, da sind er und Felix sich einig, seien wichtig. Besonders eindrucksvoll finden die beiden aber die Begegnung mit der Überlebenden Margot Friedlander.

Ausgewandert – und zurückgekehrt

Im Gespräch kommt das Thema immer wieder auf ihre Biografie. Friedlander erzählt, wie sie 1944 trotz ihrer Tarnung entdeckt und in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert wurde – „ein Zwischenreich – nicht Leben, nicht Tod“. Sie berichtet auch, wie sie 1946 mit ihrem Mann Adolf in die USA emigrierte, wo die beiden sich von Friedländer in Friedlander umbenannten.

Ihr sollt die Zeitzeugen werden, die meine Generation nicht mehr lange sein kann.

Holocaust-Überlebende Margot Friedlander

„New York war nicht meine Heimat, aber mein Zuhause“, sagt Friedlander. Erst 2010, nachdem sie für den Dreh eines Dokumentarfilms über ihr Leben mehrfach Berlin besucht hatte, zog sie wieder dorthin, gibt seitdem Lesungen und Vorträge. „Das ist meine Mission – für die Toten, aber auch zu den Lebenden aller Generationen zu sprechen.“ Und an die beiden Schüler gewandt sagt sie: „Weil ich nicht will, dass euch widerfährt, was wir erlebt haben. Ihr sollt die Zeitzeugen werden, die meine Generation nicht mehr lange sein kann.“