„Ein Gefühl von Hoffnung“
„Woman Police Officer of the Year“: die deutsche Polizistin Stephanie Königs über ihren UN-Einsatz in Südsudan und kleine Erfolge in einer großen Krise.
In der UN‑Friedensmission UNMISS führte Polizeioberkommissarin Stephanie Königs aus der westdeutschen Stadt Grevenbroich von September 2024 bis März 2026 ein multinationales Streifenteam in Juba, der Hauptstadt Südsudans. Im Juni 2026 wurde Königs für diesen Einsatz von UN-Generalsekretär António Guterres als „Woman Police Officer of the Year“ ausgezeichnet.
Im Interview spricht die Polizistin über ihre Arbeit in Geflüchtetencamps, persönliche Grenzsituationen im Einsatzalltag und darüber, wie diese Erfahrung ihre Polizeiarbeit in Deutschland verändert hat.
Frau Königs, was kommt Ihnen als Erstes in den Sinn, wenn Sie an Ihre Arbeit in Südsudan zurückdenken?
Das heiße Wetter und trotz der komplexen Krisenlage ein Gefühl von Hoffnung. Ich habe mit vielen sehr motivierten und engagierten Menschen gesprochen, die ihr Land voranbringen wollen. Diese Atmosphäre hat mich in meiner Arbeit bestärkt.
Was waren Ihre Aufgaben in Südsudan?
Das Mandat der UNMISS umfasst im Kern den Schutz der Zivilbevölkerung. Wir beobachteten zum Beispiel die aktuelle Sicherheitslage, sammelten auf Streife Informationen, die etwa in das Frühwarnsystem der UNMISS einflossen.
Wie kamen Sie an diese Informationen?
Mein Team war täglich im Streifenwagen unterwegs. Der Blick aus dem Fenster ist eine erste wichtige Informationsquelle. Die aktuelle Lage lässt sich gut daran ablesen, wie sich Zivilisten und Sicherheitskräfte bewegen. Noch wichtiger ist der direkte Kontakt mit der Bevölkerung.
Inwiefern?
Die Menschen vor Ort wissen mehr über die Sicherheitslage, als wir jemals wissen können. Deshalb suchten wir als unbewaffnetes Streifenteam das Gespräch – auf der Straße und in den Binnenvertriebenencamps. Vertrauensbildung und Kommunikation waren ein wichtiger Teil unserer Arbeit.
Ich habe mit vielen sehr motivierten und engagierten Menschen gesprochen, die ihr Land voranbringen wollen. Diese Atmosphäre hat mich in meiner Arbeit bestärkt.
Der Umgang mit Menschen, die Kriegs- und Fluchterfahrung haben, gehörte zu Ihrem Arbeitsalltag. Was ist dabei besonders wichtig?
Viel Geduld und Kommunikation auf Augenhöhe sind elementar. Als Person ohne Kriegs- und Fluchterfahrung werde ich niemals in Gänze nachvollziehen können, was das bedeutet, aber ich kann versuchen, andere Lebensrealitäten zu verstehen. Diese Haltung half auch im Umgang mit dem lokalen Militär.
Woran denken Sie konkret?
Während meiner Zeit in Juba stand der Vizepräsident Riek Machar vor Gericht. Die Sicherheitslage war angespannt. In der Stadt wurden militärische Checkpoints errichtet, die uns anfangs nicht durchließen. Also verhandelte ich mit den Soldaten. Ein kommunikativer Drahtseilakt, der durch Respekt, Bestimmtheit und Empathie gelang.
Welche Rolle spielen Polizistinnen in Friedensmissionen?
Meiner Erfahrung nach können Frauen in Uniform deeskalierend wirken. In meinem Team gab es zudem einige Kolleginnen mit besonderer Expertise im Opfer- und Kinderschutz. Das ist in kriegsbetroffenen Ländern besonders wertvoll. Oft war ich die einzige weibliche Führungskraft und für den ein oder anderen die erste weibliche Chefin. Manche waren darüber spürbar erstaunt. Auch deshalb ist Sichtbarkeit weiblicher Führungskräfte so wichtig.
Wie wurden Sie auf den Einsatz vorbereitet?
Ich habe im Vorfeld mehrwöchige Trainings im Fortbildungszentrum der Polizei Nordrhein-Westfalen durchlaufen, etwa zu Basiswissen rund um das UN-Mandat oder zu lokalen Konfliktdynamiken.
Worauf waren Sie trotz Vorbereitung nicht eingestellt?
Ich erinnere mich noch sehr genau an meine erste Fahrt durch das Geflüchtetencamp. Solch schlimme Zustände kannte ich vorher nur aus dem Fernsehen und aus den polizeilichen Trainings. Dieses Leid jedoch mit eigenen Augen zu sehen, ist etwas ganz anderes. Darauf kann einen niemand vorbereiten.
An welchen Moment werden Sie sich immer erinnern?
An die Mütter, die weinend mit ihren kranken oder verletzten Kindern zu uns kamen. An einem Tag waren es so viele, dass sich eine Warteschlange bildete. Es war sehr schwierig, diesen Frauen erklären zu müssen, dass wir als Polizei keine medizinische Hilfe leisten können, sondern ihr Anliegen aufnehmen und an zuständige Stellen weiterleiten.
Was haben Sie vor Ort konkret erreicht?
In einer solch komplexen Krisenlage zählen vor allem kleine Erfolge. Etwa eine erfolgreiche Verhandlung am Checkpoint oder wenn eine junge Frau trotz Angst vor der Polizei mit uns sprach und Vertrauen fasste.
Ist Ihr nächster Auslandseinsatz bereits in Planung?
Vorerst nicht. Ich kann es mir für die Zukunft aber durchaus vorstellen. Es war beeindruckend zu erleben, wie gut die Zusammenarbeit in der internationalen Gemeinschaft klappt – ganz unabhängig von Kultur, Religion oder Herkunft. Gerade in diesen Zeiten ist das eine wichtige Botschaft.
Die United Nations Mission in the Republic of South Sudan (UNMISS) ist eine Friedensmission der Vereinten Nationen. Seit der Staatsgründung Südsudans im Jahr 2011 ist die UNMISS im Land, um bei der Umsetzung von Friedensabkommen zu unterstützen, die Zivilbevölkerung vor bewaffneten Konflikten zu schützen und den Zugang zu humanitärer Hilfe zu erleichtern. Rund 70 Prozent der Bevölkerung sind auf humanitäre Hilfe angewiesen. Das UNMISS-Mandat läuft aktuell bis zum 30. April 2027. Derzeit sind mehr als 12.000 Kräfte im Einsatz, darunter Militärpersonal, Polizeikräfte sowie Zivilisten. Auch Deutschland ist an UNMISS beteiligt und entsendet Militärpersonal und Polizeikräfte.
Deutschland zählt neben Großbritannien und der Europäischen Union zu den größten Unterstützern Südsudans in der Entwicklungszusammenarbeit und humanitären Hilfe. 2025 stellte die Bundesregierung 35 Millionen Euro bereit. Der Fokus liegt dabei auf Ernährungssicherheit, Schutz der Menschen, Bildung und Maßnahmen gegen geschlechtsspezifische Gewalt, Wasser- und Sanitärversorgung sowie Gesundheitsversorgung.