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Putin gegen Pappfiguren

Satire vor Gericht: Russland verklagt den deutschen Karnevalswagenbauer Jacques Tilly wegen satirischer Putin-Motive. Der Prozess wurde auf Ende Februar vertagt.

Wolf ZinnWolf Zinn (mit dpa), 29.01.2026
Putin als Sträfling mit Blut an den Händen: Einer der Karnevalswagen von Jacques Tilly 2025.
Putin als Sträfling mit Blut an den Händen: Einer der Karnevalswagen von Jacques Tilly 2025. © picture alliance / imageBROKER | Karl F. Schöfmann

Am Rosenmontag ziehen in Deutschland – vor allem im Rheinland – zahlreiche Karnevalswagen durch die Städte, auf denen überlebensgroße Figuren die aktuelle Politik kommentieren – spöttisch, überzeichnet, manchmal provokant. Einer der prägenden Köpfe hinter diesen „Mottowagen“ ist der Düsseldorfer Bildhauer Jacques Tilly – und der hat nun Ärger mit Moskau. 

Russische Behörden haben gegen Tilly ein Strafverfahren eröffnet. Ihm wird vorgeworfen, russische Staatsorgane zu „verunglimpfen“ – dazu zählten demnach neben der Armee auch Präsident Wladimir Putin. Zudem soll Tilly religiöse Gefühle verletzt haben. Auslöser ist eine Skulptur, die den russisch-orthodoxen Patriarchen Kirill kniend mit dem Mund im Genitalbereich einer Putin-Figur zeigt. 

Dieser Karnevalswagen von Jacques Tilly führte zur russischen Klage.
Dieser Karnevalswagen von Jacques Tilly führte zur russischen Klage. © picture alliance / epd-bild | Hans-Juergen Bauer

Nach russischem Strafrecht droht Tilly eine Geldstrafe oder Freiheitsentzug von bis zu zehn Jahren. Ein Gerichtssprecher teilte mit, dass die Verhandlung erneut verschoben werden musste, weil Zeugen nicht erschienen seien. Neuer Termin ist der 26. Februar.

Tilly: „Satire wirkt, Satire tut weh“

Tilly selbst reist aus nachvollziehbaren Gründen nicht nach Russland – und vorerst auch nicht in andere russlandfreundliche Länder. Der Prozess läuft in seiner Abwesenheit, Vertreter der Deutschen Botschaft verfolgen ihn vor Ort. Inhaltlich weist der Künstler die Vorwürfe zurück, er habe die russische Armee in seinen Werken thematisiert. Tilly hält das Verfahren für politisch motiviert – und für eine absurde Reaktion auf Karnevalssatire. „Meine erste Reaktion war erstmal Unglaube, weil das bar jeder Verhältnismäßigkeit ist, dass der russische Staat gegen Pappfiguren vorgeht, also gegen Satire“, sagte er dem ZDF. Für ihn sei das zugleich eine Bestätigung: „Satire wirkt, Satire tut weh.“ 

Der Düsseldorfer Bildhauer Jacques Tilly
Der Düsseldorfer Bildhauer Jacques Tilly © picture alliance/dpa | Oliver Berg

Wüst: „Ausdruck unserer demokratischen Meinungsfreiheit“

In seinem Bundesland Nordrhein-Westfalen (NRW) bekommt der Karnevalist Rückendeckung aus der Politik: NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst hat das russische Strafverfahren gegen Tilly scharf kritisiert: „Kunst und Karneval sind gelebter Ausdruck unserer demokratischen Meinungsfreiheit.“

Meinungs- und Kunstfreiheit sind Grundrechte in Deutschland, verankert in Artikel 5 des Grundgesetzes, also der deutschen Verfassung. Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten. Die deutsche Rechtsprechung betont zudem, dass Satire durch Übertreibung, Ironie und Provokation gesellschaftliche Diskussionen anstoßen darf – auch und gerade an Karneval.

Nach Tillys Darstellung wurde er bis heute nicht offiziell über das Verfahren informiert. Er habe „per Zufall“ davon erfahren, unter anderem über den Verein „Freies Russland NRW“. Dass ihm gleichzeitig eine Pflichtverteidigerin zugeordnet worden sei, die er nie gesprochen habe, mache die Sache noch befremdlicher.

Tilly vermutet hinter dem Verfahren vor allem eine Drohgebärde: Kritiker sollten eingeschüchtert werden – nach dem Motto, man sehe sehr genau, wer Putin und den Kriegskurs angreife. Beeindrucken lassen will er sich nicht: „Wir machen weiterhin unsere Arbeit im Karneval!“ Welche Motive in diesem Jahr durch Düsseldorf rollen, verrät er – karnevalstypisch – nicht. Seine Antwort: „Lasst euch überraschen!“