Europa hautnah erleben

Die Europäische Union kann man auch in Berlin entdecken. Mit der „Tour d’Europe“ erleben Schüler Politik live.  

Mit der „Tour d’Europe“ erleben Schüler Politik live.
Echo/Getty Images

Ein unscheinbares Bürogebäude in Berlin, nur einen Steinwurf entfernt vom Brandenburger Tor. Hier sitzt die deutsche Vertretung der Europäischen Kommission; hier laufen alle Fäden der Pressearbeit mit dem Bundestag, dem Bundesrat und der Bundesregierung zusammen, und von hier aus hält das Europäische Parlament Kontakt zu den Bürgern und organisiert Veranstaltungen. Vor dem Eingang warten an diesem Morgen etwa 50 Schüler, die ihre Stadt einmal anders kennenlernen möchten: aus europäischer Perspektive.

„Tour d’Europe“ – Europatour – heißt die Aktion, mit der die Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Europa und der Verein Bürger Europas zweimal im Jahr 250 Schüler einladen, die Europäische Union in Berlin zu entdecken. An diesem Morgen geht es für die beiden Schulklassen erst einmal in die Dauerausstellung „Erlebnis Europa“ im Europäischen Haus. In dem 360-Grad-Kino können sich die Schüler  tatsächlich wie in einer Plenarsitzung des Europäischen Parlaments fühlen und in Planspielen erleben, wie die EU funktioniert. Dazu teilt Referentin Leonie Augustin die Gruppe in fiktive Parteien ein und gibt das Thema vor: die Nachwuchsabgeordneten sollen eine neue Verordnung zum Alkoholkonsum verabschieden.

Die Schüler spielen ihre Rollen leidenschaftlich. Man merkt: Das Thema interessiert sie. Die Sozial-Ökologische Partei fordert mehr Präventionsarbeit an Schulen: „Die Jugend ist unsere Zukunft, in sie sollten wir investieren“, skandieren sie. Die Schüler aus dem liberalen Flügel sprechen sich gegen abschreckende Fotos auf den Flaschen aus, wie sie beispielsweise für Zigaretten verpflichtend sind. Doch sie werden überstimmt. Am Ende wird ein Entwurf verabschiedet, der Text- und Bild-Warnungen auf den Flaschen vorsieht und mehr Präventionsmaßnahmen an Schulen beinhaltet. Das ist Demokratie live.

Diese Schülergruppe interessiert sich sehr für Gerechtigkeit und für die Entwicklung Europas, das ist toll!

Andreas Otto, Vorsitzender des Ausschusses für Europa- und Bundesangelegenheiten, Medien

Europäisches Kulturerbe in Berlin

Die Auseinandersetzung mit dem kulturellen Erbe Europas ist ein großes Thema dieser Tour d’Europe – schließlich ist 2018 Europäisches Kulturerbejahr. Ein guter Grund für die Organisatoren, auch Europas größtes Baudenkmal in die Tour d’Europe einzubauen, zumal, wenn es so praktisch gelegen ist: der ehemalige Flughafen Tempelhof. Er steht zum einen für die monumentale Selbstinszenierung der Nationalsozialisten im Zweiten Weltkrieg. Zum anderen wurde er durch die Luftbrücke der Westalliierten während der Berlin-Blockade 1948/49 zu einem Symbol der Freiheit. Die Schüler staunen, wie riesig das Gelände ist. Und unterirdisch geht es sogar noch weiter: Hier liegen die Räume, in denen die Mitarbeiter der Lufthansa und ihre Familien im Krieg Schutz suchten. Bis heute haben die Luftschutzräume etwas Beklemmendes – an den Wänden prangen noch Zeichnungen, die den Kindern die Bombennächte erträglicher machen sollten.

Berlin in Europa

Herzstück der Tour d’Europe ist der direkte Kontakt zu Europapolitikern. Die Schüler treffen  Andreas Otto, Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses für Bündnis 90/Die Grünen und Vorsitzender des Ausschusses für Europa- und Bundesangelegenheiten und Medien. Offen gibt er Einblick in seine Arbeit. Etwas zur Tour d’Europe beizutragen, ist für ihn selbstverständlich: „Für mich sind Frieden und Freiheit in Europa das Wichtigste – das möchte ich den jungen Menschen Europa gerne näherbringen.“ Die Schüler tauen jetzt richtig auf: Warum werden europäische Medien wie das europäische Radionetzwerk Euranet Plus oder die Website Euractiv so wenig beworben?, fragen sie. Wie kann Armut in Deutschland bekämpft werden? Und würde der Berliner Flughafen mit finanzieller Hilfe der EU schneller fertig? Der Abgeordnete ist begeistert über das Engagement: „Diese Schülergruppe interessiert sich sehr für Gerechtigkeit und für die Entwicklung Europas, das ist toll!“