Ausbildung ohne Grenzen

Eine Berufsschule macht Deutsche und Franzosen fit für den Arbeitsmarkt. Wie erleben die Auszubildenden das grenzüberschreitende Lernen?

„Hauptsache grenznah wohnen“: Julia Wiegele ist Auszubildende an den Beruflichen Schulen Kehl.
Julia Wiegele ist Auszubildende an den Beruflichen Schulen Kehl. Bärbel Nückles

Deutschland. Sie überwinden jeden Tag Grenzen: Seit mehr als 30 Jahren arbeiten die Beruflichen Schulen Kehl eng mit Partnern in Frankreich zusammen. Kehl liegt im Südwesten Deutschlands, direkt an der Grenze zu Frankreich. Auszubildende und junge Berufstätige sollen von der Nähe profitieren. Derzeit besuchen mehr als 50 Franzosen die Beruflichen Schulen mit ihren insgesamt 1.400 Schülern. Gleichzeitig werden deutsche Auszubildende auf eine mögliche Zukunft in Frankreich oder auf den Kontakt mit Kunden aus dem Nachbarland vorbereitet. Für ihr Engagement wurden die Beruflichen Schulen 2017 mit dem Adenauer-de-Gaulle-Preis geehrt, den die deutsche und die französische Regierung gemeinsam vergeben. Hier erzählen eine Deutsche und ein Franzose, was ihre Ausbildung in Kehl zu etwas Besonderem macht.

Julia Wiegele (20): Das Beste aus beiden Welten

„Französisch habe ich von klein auf gelernt – ein paar Jahre vor meiner Geburt sind meine Eltern aus Deutschland ins Elsass gezogen. Meine ganze Schulzeit habe ich in Frankreich verbracht und in Straßburg das sogenannte Abibac absolviert, das deutsch-französische Abitur. In der Grundschule musste ich manchmal noch nach den französischen Wörtern fragen – zu Hause sprachen wir Deutsch. Beim Englischlernen später habe ich gemerkt, dass mir eine neue Sprache leichter fiel als den meisten anderen.

Ich möchte meine Sprachkenntnisse beruflich nutzen.

Julia Wiegele, Auszubildende für Spedition und Logistik

Mir war schnell klar, dass ich meine Sprachkenntnisse beruflich nutzen möchte. In einem Betrieb in Achern, 30 Kilometer von Kehl entfernt, mache ich jetzt eine Ausbildung zur Kauffrau für Spedition und Logistikdienstleitungen mit Zusatzqualifikation Logistikmanagement. Ziemlich lange Bezeichnung. Dabei geht es unter anderem um Controlling und Datenverarbeitung. Zurzeit arbeite ich in der Disposition. Da kann ich mit meinen Sprachkenntnissen erst mal nicht so viel anfangen. Zum Glück hat mich mein Betrieb für ein Auslandspraktikum zu einer Tochterfirma in Atlanta in den USA geschickt.

An zwei Tagen pro Woche besuche ich den Unterricht an den Beruflichen Schulen Kehl. Ich finde es toll, dass meine Schule grenzüberschreitende Projekte macht. Das gibt es nicht überall. Wenn ich mit der Ausbildung fertig bin, sehe ich meine Zukunft beruflich eher in Deutschland. Wo ich dann lebe? Im Grunde ist mir das egal. Hauptsache nahe der Grenze.“

Thomas Saum (22): Guter Start mit intensivem Deutschkurs

„Nach dem Abitur hatte ich mich erst bei mir zu Hause im Elsass in Frankreich nach einer Perspektive umgesehen. Mechanik hat mich schon immer interessiert. In Deutschland habe ich schließlich die passende Stelle gefunden: Seit 2014 bin ich Auszubildender in einem Stahlverarbeitungsbetrieb. Für den theoretischen Unterricht besuche ich die Beruflichen Schulen in Kehl.

Der einzige Franzose in seiner Klasse: Thomas Saum will Industriemechaniker werden.
Der einzige Franzose in seiner Klasse: Thomas Saum will Industriemechaniker werden.
Bärbel Nückles

Dass ich hier als Franzose meine Ausbildung machen kann, ist schon etwas Besonderes. In meiner Klasse bin ich der einzige, aber ich habe mich schnell zurechtgefunden. Deutsch konnte ich schon ganz gut. In meinem Heimatort Seebach sprechen wir elsässischen Dialekt, der dem Deutschen ähnlich ist. Außerdem habe ich in der Schule Deutsch gelernt. Trotzdem wäre mir der Einstieg nicht so gut gelungen ohne ein Jahr Vorqualifizierung mit einem Intensivsprachkurs, den die Beruflichen Schulen anbieten. 

Der Unterricht ist sehr nah an dem, was im Beruf verlangt wird.

Thomas Saum, Auszubildender für Industriemechanik

2017 habe ich die Prüfung als Fachkraft für Metall geschafft. Geht alles gut, mache ich 2018 meinen Abschluss als Industriemechaniker. Genau dafür bin ich nach Deutschland gekommen. Überhaupt gefällt mir gut, wie der Unterricht hier aufgebaut ist. Das ist sehr nah an dem, was im Beruf verlangt wird. Ich möchte mich gern noch weiter qualifizieren. Wo ich mal arbeiten werde, weiß ich nicht. Im Moment bin ich froh, dass viele meiner alten Freunde aus Frankreich gleich nebenan leben, in Straßburg.“

Berufliche Schulen Kehl

Adenauer-de-Gaulle-Preis

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