Politischer Impuls für den Wandel

Die Transatlantische Klimabrücke setzt sich für Klimaschutz und umweltschonende Energien ein.

Es ist eine besondere Anerkennung: „Was Deutschland erreicht hat, ist wie eine Blaupause für das, was wir in Minnesota vor uns haben“, heißt es in dem Film „Integrated Energy Solutions“. Es geht um umweltfreundliche Energieversorgung, und die halbstündige Dokumentation zeigt, wie der amerikanische Bundesstaat sich neu ausrichten und was er dabei von Deutschland lernen kann. Der öffentliche Fernsehsender PBS zeigte die Produktion und sie fand so viel Anklang, dass sie im Herbst 2015 für einen regionalen Emmy Award nominiert wurde. Die Emmys sind die Oscars der Fernsehbranche.

Ohne die Transatlantische Klimabrücke hätte es den Film wohl nicht gegeben. Er ist das Ergebnis eines langjährigen Austauschs zwischen Energieexperten aus Minnesota und Deutschland, den diese Initiative unterstützt. Zuletzt nahmen sich die Amerikaner im Sommer 2015 eine Woche Zeit, um in Hamburg, Nordrhein-Westfalen und Berlin Energiesparhäuser zu besichtigen, nachhaltige Gewerbegebiete anzusehen und die Energiewende, den Umstieg auf erneuerbare Energien, zu diskutieren. Unter ihnen: fünf Abgeordnete, einflussreiche Behördenchefs und Vertreter von Energieunternehmen. Dazu Wissenschaftler der Universität Minnesota, die die filmische Dokumentation zusammenstellten.

Die Transatlantische Klimabrücke ist mittlerweile neun Jahre alt. Initiiert wurde diese Projektplattform von Frank-Walter Steinmeier in seiner ersten Amtszeit als Bundesaußenminister und von Sigmar Gabriel, dem damaligen Bundesumweltminister und heutigen Vizekanzler und Bundesminister für Wirtschaft und Energie. Seither hat die Klimabrücke durch Veranstaltungen und Aktionen viel dazu beigetragen, das Verständnis zwischen Amerikanern und Deutschen in der Energie- und Klimapolitik zu verbessern.

Es ist eine geduldige, langfristige Arbeit mit Laien und Experten, die auch ohne spektakuläre Erfolge viel bewirkt, vor allem atmosphärisch. „Wir wählen Themen, die beidseits des Atlantiks diskutiert werden, nicht nur Themen wie erneuerbare Energien, bei denen Deutschland einen gewissen Vorsprung hat“, sagt Georg Maue, der als „First Secretary Energy and Climate“ in der deutschen Botschaft in Washington die Aktivitäten zu verschiedenen Themenfeldern steuert. Etwa: Energieeinsparung. Oder Smart Grid, die intelligente Vernetzung von Stromerzeugung, Speicherung und Verbrauch.

In der Anfangszeit der Klimabrücke waren die Amerikaner vor allem an Informationen über die deutsche Energiewende interessiert. Später, auch vor dem Weltklimagipfel in Paris 2015, rückte die CO2-Einsparung in den Vordergrund. Die Klimabrücke unterstützte zum Beispiel Künstler, die mit kreativen Straßenaktionen auf den Klimawandel hinwiesen, oder eine Veranstaltungsreihe der Denkfabrik „Center for American Progress“, bei der es um die Auswirkungen des Klimawandels auf die Nahrungsmittelversorgung ging. Und als vor dem Pariser Klimagipfel internationale Industrieregionen ein Memorandum of Understanding zum Klimaschutz unterzeichneten, war neben Kalifornien auch Minnesota dabei – nicht zuletzt dank der langjährigen transatlantischen Erfahrungen.

Längst ist es ein Klischee, wonach die Weltmacht USA Umweltbelangen gegenüber gleichgültig ist. „Die USA haben sich von einem Blockierer zu einem Hauptantreiber für den internationalen Klimaschutz entwickelt“, sagt Georg Maue. Das zeichnete sich bereits im Juni 2013 ab, als Präsident Barack Obama seinen „Climate Action Plan“ präsentierte. Es war der Beginn eines politischen Umdenkens in Washington, „in der Diplomatie reagierten die Ansprechpartner plötzlich viel aufgeschlossener auf das Thema“, erinnert sich Maue. Ein Jahr später verständigte sich der Präsident mit China – eine wichtige Voraussetzung für den Erfolg in Paris. Jetzt kommt es darauf an, das Ziel umzusetzen, die Erderwärmung deutlich unter zwei Grad zu halten. Auch dazu will die Klimabrücke beitragen. So finanziert sie im Sommer 2016 eine Vortragsreise des Politikwissenschaftlers und Energiewende-Experten Arne Jungjohann an der Ostküste.

Zwar sind Gas und Öl in Amerika dank neuer Fördertechniken („Fracking“) so billig wie seit Jahrzehnten nicht, trotzdem boomt der Markt für erneuerbare Energien – auch weil viele Bundesstaaten, allen voran Kalifornien, ehrgeizige Quoten für Wind- und Solarstrom festgelegt haben. So manche Tochter deutscher Unternehmen hilft, die wachsende Nachfrage zu befriedigen: Siemens produziert in Fort Madison (Iowa) Windturbinen, Eon betreibt Windfarmen in Texas und ist Partner bei dem 18-Megawatt-Solarkraftwerk Fort Huachuca in Arizona. Und erst im Februar 2016 kündigte der Versicherer Allianz eine 200-Millionen-Euro-Investition in zwei Windparks im US-Bundesstaat New Mexico an – seine erste Investition in erneuerbare Energien außerhalb Europas.

Und wie geht es nach der Präsidentschaftswahl mit der Klimapolitik in den USA weiter? Georg Maue ist sicher: „Wenn die Demokraten das Rennen machen, wird sie mindestens so konsequent weitergeführt wie unter Obama.“ Schwieriger ist die Prognose für einen Sieg der Republikaner, deren Kandidaten das Thema im Wahlkampf weitgehend aussparen. Mut macht Maue die wachsende wirtschaftliche Bedeutung der erneuerbaren Energien – Konservative stellen sich normalerweise nicht gegen den Markt. ▪

EHRUNG FÜR US-PHYSIKER LOVINS

Zum „Berlin Energy Transition Dialogue“ trafen sich Mitte März 2016 erneut internationale Fachleute und Entscheidungsträger im Auswärtigen Amt, um sich über Möglichkeiten einer globalen Energiewende auszutauschen. Auf der Konferenz sprachen unter anderen Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier und Fatih Birol, Generaldirektor der Internationalen Energieagentur (IEA). Der Physiker und Umweltaktivist Amory B. Lovins, Leiter des Rocky Mountain Institute, wurde im Rahmen der Konferenz mit dem Bundesverdienstkreuz Erster Klasse, der höchsten Anerkennung, die die Bundesrepublik Deutschland für Verdienste um das Gemeinwohl ausspricht, ausgezeichnet.