Für faire und sichere Jobs


Die Lieferketten in der Textilindustrie sind komplex und unübersichtlich. Deutschland engagiert sich für mehr Transparenz und setzt dabei auf die Kraft von Bündnissen.

Wie auf dem Wühltisch türmen sich die Jeans, bevor ein Vorarbeiter sie zur Bügelstation bringt. Reißverschluss, Hosenbund, Etikett – alles dran. Die letzte Arbeiterin in der Reihe macht zum tausendsten Mal den gleichen Handgriff. Mehr als 400 000 Hosen wandern hier pro Monat von Nähtisch zu Nähtisch. Über Pausen und Überstunden sprechen die Angestellten nur im Schutz ihrer Häuser. Ob die Fabrik sicher ist, wissen die wenigsten.

„Natürlich halten wir regelmäßig Brandschutzübungen ab“, sagt der Werksleiter der Fabrik in Gazipur nahe Bangladeschs Hauptstadt Dhaka, die Kleider der Marke „Pimkie“ fertigt. Der Mann verweist auf die Fluchtwege und die Treppenhäuser, in denen hitzefester Zement das frühere Metall ersetzt hat. Die Ausgangstüren sind unverschließbar. Im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) hat die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) hier Gebäude- und Brandschutz verbessert.

Die Fabrik gilt als Vorzeigestandort. Sie ist einer von vielen, an denen die GIZ auch zu Umwelt- und Sozialfragen berät. Keine ultramoderne Halle, wie sie in Asien mitunter hochgezogen werden, aber auch kein schäbiger, rissiger Bau wie der acht Etagen hohe Gebäudekomplex von Rana Plaza, der im April 2013 einstürzte und mehr als 1100 Menschen unter sich begrub.

Das schwere Unglück offenbarte menschenunwürdige Zustände am asiatischen Teilstück der Lieferketten in der Textilindustrie. Mit knapp vier Millionen Arbeitern ist Bangladesch nach China der zweitgrößte Hersteller in diesem Bereich. Seit jenem April 2013 ist viel passiert in der Politik und in der Branche, in Berlin, Genf und Dhaka – und doch nicht genug.

Ernste Mängel entdeckt

Auf der Skala von Hochrisikofabrik bis Hochglanzwerk liegt die Fertigung in Gazipur heute wohl im oberen Viertel. Die Halle ist gut gelüftet, keine der Näherinnen sitzt eingezwängt zwischen Kartons und Stoffballen, alles wirkt aufgeräumt und weitläufig. Und doch: Inspektoren des „Accord“, einem von 200 Textilketten eingesetzten Gebäude-TÜV, haben ernste Mängel gefunden: Schaltkästen unter Treppen, zu nahe an Mensch und Material lagernde Brennstoffe, ein zugemüllter Fluchtweg. Und: Die Trennung von Halle und Treppen durch Brandschutztüren ist unzureichend.

Die Auflagen sind auch zwei Jahre nach der Inspektion nicht erfüllt. Die Fabrik ist in Verzug – so wie viele andere. Brandschutztüren sind teuer und ihr Fehlen ist ein chronisches Übel. Der Zustand der Fabrik in Gazipur zeugt davon, dass die Textilindustrie zwar wachgerüttelt ist, ihre Missstände aber nicht so schnell zu beheben sind, wie manche es sich wünschen.

Nationale Gesetze reichen nicht aus

Einer der Ungeduldigen ist Bundesentwicklungsminister Gerd Müller. Wenn er, wie im Oktober 2015, Dhaka besucht, trifft er auf Politiker, die oft auch Textilunternehmer sind. „Nationale Gesetze allein nützen wenig, wenn zum Beispiel ein Herrenhemd vom Baumwollfeld bis zum Bügel 140 Produktionsschritte durchläuft.“ Müller nimmt die Branche in die Pflicht. In Dhaka besucht er eine Fabrik, die er als erstes lokales Mitglied für das Bündnis für nachhaltige Textilien geworben hat.

Neben dem branchenübergreifenden Nationalen Aktionsplan zur Umsetzung der VN-Leitprinzipien Wirtschaft und Menschenrechte ist das Bündnis ein wichtiger Baustein deutschen Engagements. Nach einem schweren Start 2014 trifft sich darin nun die Hälfte der deutschen Textilbranche: Hersteller wie Adidas, Händler wie C&A, Nichtregierungsorganisationen, Gewerkschaften, Verbände. Einen runden Tisch relevanter Akteure in dieser Größe hat es noch nicht gegeben. Und Deutschland ist der größte Bekleidungsmarkt in Europa.

Alle Mitglieder verschreiben sich gemeinsam definierten Standards. Derzeit arbeiten sie daran, individuelle Roadmaps zu erstellen, in welchen Etappen sie soziale, ökologische und ökonomische Ziele für einzelne Stufen der Lieferkette erreichen wollen: existenzsichernde Löhne, Entgiftung der Umwelt, Sorgfaltspflichten im Einkauf und mehr. Bis Ende 2016 sollen diese Hausaufgaben gemacht sein und es soll feststehen, wie Verbesserungen überprüft, gemessen und offengelegt werden.

In den Gesprächen geht es manchmal hoch her, ist zu hören. Die Verhandlungen sind geheim – eine offene Flanke für Kritiker, die beobachten, wie die 2014 vorgelegte Vereinbarung von 65 Seiten auf elf Seiten zusammenschrumpfte. Manche halten das Konzept für weichgespült. Tatsächlich hat die Politik ihr Korsett um den Preis einer breiten Teilnahme gelockert: Jedes Unternehmen setzt sich eigene Meilensteine und Zeitvorgaben.

Alles andere war aus Sicht der Industrie unrealistisch. Die Produktionsketten der Textilwirtschaft seien schwer zu überblicken. Selbst eine Firma wie die Handelsgruppe Otto, die seit Jahrzehnten den Schutz von Mensch und Umwelt im Blick hat, ist weit davon entfernt, alle Glieder der Kette ganz durchleuchtet zu haben. Transparenz ist aufwendig und nicht zum Nulltarif zu bekommen, heißt es bei dem Hamburger Unternehmen, das zehn Milliarden Euro seines Umsatzes mit Textilien macht. Warum also die Mühe?

Gemeinsam mehr erreichen

„Der Charme des Bündnisses liegt darin, dass es Kräfte bündelt, die in der Summe mehr Veränderung bewirken können, als einzelne Akteure sie je erreichen würden“, sagt Andreas Streubig, Bereichsleiter für Nachhaltigkeitsmanagement der Otto Group. Als Beispiel nennt er Accord. Das Bündnis zeige, dass durch eine konzertierte Aktion Handlungsdruck auf Regierung, Verbände und Fabrikbesitzer entstehe. „Erst dadurch sind substanzielle Veränderungen eingetreten.“

Streubig erwartet vom Textilbündnis „spürbare Auswirkungen darauf, wie wir unser Geschäft betreiben“. Um ein Ziel wie die ausschließliche Nutzung nachhaltiger Baumwolle bis 2020 zu erreichen, müsse der Vorstand entscheiden, neue Mechanismen in Lieferketten einzubauen, die diese „lückenlos transparent und vor allem beherrschbar machen“. Dann gelte es, für Standards die Verantwortung so zu etablieren, dass jede Stufe die jeweilige Vorstufe in die Pflicht nehme. „Chains of custody“ heißt diese Verkettung.

Ob die knapp hundert Bündnisfirmen am Ende garantieren können, dass ihre Produkte aus menschenwürdiger Arbeit stammen, bleibt fraglich. „Hundertprozentige Nachhaltigkeit halte ich für eine Illusion“, sagt Streubig. „Es wird eine große Herausforderung sein, innerhalb der nächsten fünf Jahre den Weg eines Hemds in allen Schritten der Wertschöpfungskette vom Baumwollfeld bis zum Kunden so zu kontrollieren, dass alles im besten Sinne des Wortes nachhaltig ist.“ Für entscheidend hält er jedoch, dass die Unternehmen sich auf den Weg machen, die Grauzonen kontinuierlich zu reduzieren.

Die Grauzonen verringern – das haben sich auch die führenden Industrienationen vorgenommen. Seit dem G7-Gipfel unter deutscher Präsidentschaft im Juni 2015 stehen die Staats- und Regierungschefs im Wort: Sie wollen sich für nachhaltige Lieferketten und eine bessere Umsetzung von Arbeits-, Sozial- und Umweltstandards einsetzen, etwa durch Nationale Aktionspläne. In ihrer Abschlusserklärung riefen die Gipfelteilnehmer die Privatwirtschaft auf, „ihrer Sorgfaltspflicht auf dem Gebiet der Menschenrechte nachzukommen“. Auf dem Weg zu fairen Standards in den globalen Lieferketten sei Deutschland ein Vorreiter, so Gerd Müller bei der Folgekonferenz der G7-Arbeits- und Entwicklungsminister in Berlin.

Dass Arbeitsbedingungen überhaupt G7-Thema wurden und nun auch die Schwellenländer beschäftigen werden, sei an sich schon herausragend, sagt Frank Zach, Asien-Experte des Deutschen Gewerkschaftsbundes. „Die Problematik von Lieferketten wurde im globalen Kontext bis dahin nie angesprochen.“ Nun müssten die guten Absichten mit Leben gefüllt werden. Dazu dient unter anderem der geplante „Vision Zero Fund“.

Kultur für Arbeitsschutz

Die Idee des Fonds gründet auf der Annahme, dass in den Betrieben selbst eine Kultur für Arbeitsschutz keimen müsse. Schon 2016 sollen erste Projekte in der Bekleidungsindustrie gefördert werden, die Staat und Sozialpartner gemeinsam organisieren: Ausschüsse zur Arbeitssicherheit sollen eingerichtet und Berufsgenossenschaften aufgebaut werden. Verwaltet wird der Fonds, in den Regierungen und Unternehmen einzahlen können, von der Internationalen Arbeitsorganisation ILO. Die wirkt mit ihrem „Better Work“-Programm schon seit einiger Zeit auch auf die Politik in Bangladesch ein, den Arbeitsschutz ernster zu nehmen.

In Bangladesch hilft Deutschland über die GIZ, mehr staatliche Inspektoren zu schulen. Denn es gibt noch unbesetzte Stellen. Großbritannien, Kanada und die Niederlande haben über die ILO bereits eine erste Inspektionsrunde finanziert: Heute kämpfen sich nicht mehr bloß 20, sondern knapp 300 staatliche Techniker auf ihren Motorrädern durch das Verkehrsknäuel von Dhaka. Meter für Meter, Fabrik um Fabrik, Inspektion um Inspektion.

Doch die Folgen für die Gebäudesicherheit halten sich noch in Grenzen. Entsprechend nüchtern stellte die ILO mit Blick auf Bangladesch zuletzt fest: „Die Herausforderung ist groß, im Textil- und Bekleidungssektor eine Kultur von sicheren und gesunden Arbeitsplätzen aufzubauen und sie durch geschulte Kräfte umzusetzen.“ ▪