Deutsche Ingenieurskunst für die Sagrada Família
Die süddeutsche Firma Gartner ist ein weltweit gefragter Fassaden-Spezialist. In Barcelona ist ihr mit dem Kreuz der Sagrada Família ein Meisterstück gelungen.
Es ist 17 Meter hoch, 13 Meter breit, begehbar und nachts erleuchtet: Seit Februar 2026 krönt ein gigantisches Kreuz aus Glas, Stahl und Beton die berühmte Sagrada Família in Barcelona. Sie macht den weltbekannten Sakralbau des Architekten Antoni Gaudí damit zur höchsten Kirche der Welt. Mit 172,50 Metern schlägt sie den bisherigen Spitzenreiter, das Ulmer Münster in Süddeutschland, um knapp elf Meter.
Gefertigt wurde das spektakuläre Kreuz in der bayerischen Kleinstadt Gundelfingen. Dort hat die Firma Josef Gartner ihren Sitz, ein typischer Hidden Champion: Weltspitze in einer Nische, aber bislang kaum bekannt. Weltweit gibt es rund 3.400 solcher Unternehmen – fast 1.600 kommen aus Deutschland.
Gartner ist Spezialist für Fassaden aus Aluminium, Stahl und Glas und stattet architektonisch anspruchsvolle Gebäude auf der ganzen Welt aus: etwa das Apple-Hauptquartier in Cupertino, die Uber-Zentrale in San Francisco, die BMW-Welt in München oder die Elbphilharmonie in Hamburg. Für das ikonische Konzerthaus fertigte das Unternehmen etwa 22.000 Quadratmeter Fassade mit 2.200 Glasscheiben.
Ein begehbares Kreuz aus Stahl und Glas wurde in dieser Form noch nie gebaut.
Weiter Ausblick auf Barcelona und das Mittelmeer
Doch selbst für den weltweit gefragten Fassadenbauer war der Auftrag aus Barcelona etwas Besonderes. „Üblicherweise arbeiten wir an Bürogebäuden, Flughäfen oder Museen“, sagt Geschäftsführer Jürgen Wax in einem Interview. „Hier hatten wir es zum ersten Mal mit einer Kathedrale zu tun – nicht mit der Fassade oder dem Dach, sondern mit einem Kunstwerk.“
Dabei gab es große technische Herausforderungen: Der höchste von 18 Türmen sollte ein geometrisch komplexes Kunstwerk tragen – mit vielen Krümmungen und in sich verdrehten Armen. Eine Wendeltreppe erschließt das Kreuz von innen, die Fenster ermöglichen einen weiten Ausblick auf Barcelona und das Mittelmeer. Ein Edelstahlgerippe trägt die Konstruktion, vergossen in Beton, verkleidet in Glas, Naturstein und Keramik. Statisch muss das Bauwerk in dieser Höhe extremen Belastungen und Witterungsbedingungen standhalten. „Ein begehbares Kreuz aus Stahl und Glas wurde in dieser Form noch nie gebaut und wird vermutlich so schnell nicht mehr gebaut. Deshalb dürfte die Sagrada Família die Menschen auch noch in Jahrhunderten begeistern“, sagt Jürgen Wax.
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Einverständniserklärung öffnenVon einer kleinen Schlosserei zum internationalen Unternehmen
Die Ursprünge des Unternehmens liegen im Jahr 1868. Mit dem Bau der Sagrada Família war da noch gar nicht begonnen worden. Josef Gartner gründete in Gundelfingen eine kleine Schlosserei, die sich bald Stahlbauten aller Art widmete: etwa Brücken oder Bauteilen für Straßenbahnen. In der Nachkriegszeit verschob sich der Fokus auf Gebäudefassaden, die während des Wiederaufbaus überall gefragt waren.
Heute entwickelt Gartner unter anderem moderne Closed-Cavity-Fassaden (CCF). Diese doppelschaligen Fassaden dämmen Wärme und Schall besonders gut und sind zugleich wartungsarm. Jeden Auftrag plant Gartner per 3D-Modell individuell. Das Unternehmen steuert und überwacht dabei alle Schritte: vom Design und Engineering über die Logistik und Montage bis hin zur Wartung.
Seit 2001 gehört Gartner zur italienischen Permasteelisa-Gruppe. Diese wiederum ist seit 2020 Teil der US-amerikanischen Atlas-Holdings. Gartner ist international aufgestellt: Wichtige Märkte sind neben Deutschland und Europa die USA, Asien sowie der Nahe Osten.
Per Schwerlaster und Schiff nach Spanien
Die Arbeit an der Sagrada Família zeigte, wie komplex solche internationalen Projekte sein können. Gartner fertigte das rund 100 Tonnen schwere Kreuz in Gundelfingen in sieben Teilen, die per Schwerlaster und Schiff nach Spanien transportiert wurden. In Barcelona montierten die Spezialisten die Teile auf einer speziellen Arbeitsplattform vor und hoben sie per Hochkran auf den Turm. Dazu mussten die Windbedingungen ideal sein. Das letzte Teil wurde im Februar 2026 aufgesetzt.
Die Sagrada Família bleibt eine Baustelle: Noch bis etwa 2035 dauern die weiteren Arbeiten an Fassaden und Dekorationen an. Den Jesusturm weihte Papst Leo XIV. jedoch bereits am 10. Juni 2026 ein. Weitere Türme sind den Aposteln, den Evangelisten sowie der Jungfrau Maria gewidmet.
Der Stadt Ulm bleibt der Trost, weiterhin den höchsten historischen Kirchturm der Welt zu stellen. Und die Region darf sich rühmen: schwäbische Spezialtechnik ist weltweit gefragt – und schreibt Architekturgeschichte. Am Gartner-Werk in Gundelfingen wehte am Tag der päpstlichen Weihung eine katalanische Flagge.