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Diese beiden Frauen räumen auf mit deutsch-türkischen Klischees

Mit dem TAM Museum soll in Berlin ein Begegnungsort zur deutsch-türkischen Geschichte entstehen. Drei Fragen an die Initiatorinnen Gülşah Stapel und Müge Avar.

Johannes_GöbelInterview: Johannes Göbel, 20.05.2026
die Initiatorinnen des neuen TAM Museums Müge Avar (l.) und Gülşah Stapel
Museumsmacherinnen (v. l.): Müge Avar und Gülşah Stapel © Anton Bohlin

Frau Dr. Stapel, Frau Avar, was schwebt Ihnen mit dem TAM Museum vor?

Gülşah Stapel: Das Museum soll ein neuer inspirierender Ort des Wissens, der Freude und Begegnung in Berlin werden, gerade auch für Menschen, die sich ansonsten eher nicht treffen würden oder die sonst nicht unbedingt ins Museum gehen. Die deutsche Mehrheitsgesellschaft reduziert die deutsch-türkischen Beziehungen noch zu häufig auf die Migration aus der Türkei nach Deutschland, besonders durch die sogenannten Gastarbeiter-Generationen in den 1960er- und 1970er-Jahren. Wir wollen einen differenzierteren Blick auf die Vergangenheit und die vielen anderen Geschichten zwischen den zwei Regionen ermöglichen. Wir möchten ein deutlicheres Bewusstsein dafür schaffen, dass es „die Migranten“, „die Türken“ und „die Deutschen“ als homogene Gruppen nicht gibt, und alle dazu einladen, ihre Sicht der Dinge und womöglich auch Vorurteile zu hinterfragen.

Müge Avar: Die Begegnungen möchten wir nicht nur rund um Exponate organisieren, sondern auch mit Veranstaltungen wie Konzerten und Diskussionen. Und wir planen mit einer Museumsküche, in der wir unsere Gäste bei Essen und Trinken zusammenbringen. Vielfalt in Kultur und Geschichte steht für uns im Mittelpunkt. Wir feiern das Transkulturelle: Das lässt sich gar nicht auf die deutsch-türkischen Beziehungen beschränken.

Wir haben die Gegenwart im Blick und berücksichtigen zugleich die lange Geschichte der deutsch-türkischen Beziehungen.
Gülşah Stapel, Initiatorin des geplanten deutsch-türkischen TAM Museums

TAM Museum: ein neuer Ort des Austauschs

TAM – das türkische Wort kann im Deutschen vieles bedeuten, zum Beispiel „komplett“ oder „genau“. Das Team des TAM Museums um Kuratorin Dr. Gülşah Stapel und Szenografin Müge Avar will einen differenzierten Blick auf die Vielfalt der deutsch-türkischen Beziehungen werfen und sammelt bereits mündliche Überlieferungen, Exponate und Forschungsliteratur, auch wenn Räume für das neue Haus in Berlin erst noch gefunden werden müssen. Spätestens 2028 soll das TAM Museum dann seine Türen öffnen. So lange will die Initiative, die bisher unter anderem durch Crowdfunding gefördert wurde, mit ihrer Website, Veranstaltungen und Pop-up-Ausstellungen Geschichten des deutsch-türkischen Austauschs präsentieren. tam-museum.org

Ausstellungsstücke werden nicht im Fokus von TAM stehen?

Müge Avar: Für uns ist entscheidend: Was berührt die Menschen? Das kann ein Exponat sein, das wir in das Zentrum eines Ausstellungsraums stellen. Aber auch Filme und Audio-Beiträge können veranschaulichen, was die Menschen verbindet. Und wir werden zeigen, wie unterschiedlich solche Verbindungen sein können.

Auch ihre Geschichte wird vom TAM Museum erzählt: die in Berlin geborene türkische Archäologin und Olympia-Fechterin Halet Çambel (1916–2014).
Auch ihre Geschichte wird vom TAM Museum erzählt: die in Berlin geborene türkische Archäologin und Olympia-Fechterin Halet Çambel (1916–2014). © Emilie Haspels Archiv von Arkeloji ve Sanat Yayinlari

Gülşah Stapel: Wir haben die Gegenwart im Blick und berücksichtigen zugleich die lange Geschichte der deutsch-türkischen Beziehungen. Dabei denken wir zum Beispiel an den bayerischen Kreuzfahrer Johannes Schiltberger, der Ende des 14. Jahrhunderts in osmanische Gefangenschaft geriet und im Dienst des Sultans Bayezid stand – oder an türkische Modedesigner, die in den 1920er-Jahren in Berlin wirkten. Schon diese historischen Beispiele verdeutlichen, wie viele überraschende Verbindungen sich zwischen der Türkei und Deutschland zeigen, wenn wir den Horizont über das Gastarbeiternarrativ hinaus erweitern. 

Wir werden weiter an einem Konzept arbeiten, das die Besucherinnen und Besucher emotional erreicht.
Müge Avar, Initiatorin des geplanten deutsch-türkischen TAM Museums

Wie geht die Arbeit an TAM nun weiter?

Gülşah Stapel: Wir sammeln weiter Geschichten, die neue Perspektiven auf die Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei eröffnen, um sie später unter dem Museumsdach zu präsentieren. Bereits jetzt richten wir regelmäßig Veranstaltungen aus. So hat etwa die German-Studies-Spezialistin Ela Gezen aus Massachusetts bei unserem fünften TAM Forum über Künstler aus der Türkei im ehemaligen West-Berlin gesprochen. Daneben kooperieren wir schon mit verschiedenen Museen in Deutschland und der Türkei bei Projekten und Ausstellungen. Unser Museumsteam hat unter anderem jüdische, armenische und griechische Wurzeln und setzt sich für internationale Vernetzung ein. Die Resonanz zeigt uns, dass die Fragen nach Herkunft und interkulturellen Verbindungen für Menschen weltweit von Bedeutung sind.

Müge Avar: Weil diese Themen universell sind, sind für uns Exponate auch weniger wichtig als in der klassischen Museumskultur. Wir werden weiter an einem Konzept arbeiten, das die Besucherinnen und Besucher durch die Vermittlung von Geschichten deutsch-türkischer Begegnungen vor allem emotional erreicht. So können Gespräche der Menschen und wirklicher Austausch entstehen.

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