Spitzenforscher mit Mannschaftsgeist

Raúl Rojas ist ein international renommierter Experte für Künstliche Intelligenz und ein engagierter Vermittler. Beim Deutschlandjahr in Mexiko arbeitet er mit Studierenden aus seiner Heimat.

Huch, was kommt denn da? Im dunklen Büroflur fährt, wie von Geisterhand gelenkt, ein leerer Rollstuhl herum. Er manövriert sacht um Ecken, wendet und verschwindet wieder. Am Institut für Informatik der Freien Universität (FU) Berlin ist das ein alltäglicher Anblick. Hier gehen nicht nur Menschen ein und aus, hier tummeln sich auch jede Menge Roboter.

Wir sind zu Besuch bei Raúl Rojas, Professor für Künstliche Intelligenz und Robotik. Geboren ist er 1955 in Mexiko-Stadt. Sein Vater, ein Maschinenbauer, arbeitete lange für General Motors. Die Begeisterung für Mechatronik übertrug sich allerdings nicht auf den Sohn. Der studierte lieber Mathematik und Physik. Schon während des Studiums kam Rojas mit dem Thema Künstliche Intelligenz in Berührung. Seine akademischen Interessen waren ohnehin breit gefächert, er lernte Deutsch und Französisch und studierte neben Mathematik auch Wirtschaftswissenschaften.

So kam er Mitte der 1980er-Jahre mit Elmar Altvater in Kontakt, einem deutschen Politologen, der in Mexiko zu Gast war. Altvater lud ihn ein, nach Berlin zu kommen und dort zu promovieren. „Anfangs waren nur drei Jahre geplant“, sagt Rojas. Mittlerweile lebt er seit mehr als drei Jahrzehnten in der deutschen Hauptstadt, hat den Mauerfall und die Wiedervereinigung miterlebt. Trotz vieler Forschungsaufenthalte, die ihn etwa nach Princeton und Stanford führten, ist Berlin sein Lebensmittelpunkt geblieben.

 

Was ihn schon als Doktorand begeisterte, ist die Forschungskultur an deutschen Universitäten. Anders als in Mexiko, wo man sich am eher verschulten System der USA orientiert, lässt das Studium in Deutschland Raum für eigene Projekte. „Als ich ankam, war es relativ einfach, Gruppen von Studenten aufzubauen, in denen vom ersten bis zum letzten Semester alle zusammen arbeiten.“ Davon profitieren vor allem die Jüngeren, meint Rojas. „Studenten lernen mehr von ihren Kommilitonen als in Vorlesungen.“ Der Professor erzählt von der Dorfschule in Mexiko, die seine Großmutter besuchte und in der Kinder unterschiedlichen Alters zusammen saßen. „So ist das auch hier bei uns.“

Dass Rojas ein leidenschaftlicher Vermittler ist, brachte ihm 2014 die Auszeichnung „Hochschullehrer des Jahres“ ein. Er sei eine „Koryphäe, die Forschung und Lehre vorbildlich miteinander verbindet“, lobte damals der Präsident des Deutschen Hochschulverbandes. Neben Rojas‘ Büro kann man die Innovationslust, die an seinem Lehrstuhl herrscht, in der Praxis besichtigen. Die Tür zum Robotiklabor steht einladend weit offen. Der erste Blick verblüfft: Der Raum sieht mehr nach einer Wohngemeinschaft als nach einem IT-Labor aus. Wasserflaschen stehen vor den Laptops, überall stapeln sich Kisten, im Regal reihen sich Pokale aneinander. Zwei Studierende beugen sich über einen kleinen Roboter. Gemeinsam überlegen sie, wie sich verhindert lässt, dass er bei einer Unebenheit im Boden ins Stolpern kommt.

Die „FUmanoids“ – so heißen die menschenähnlichen Roboter in Anlehnung an den Namen der Hochschule – sind berühmt für ihre Fußballkünste. Das hat nichts mit den Sportvorlieben des Professors zu tun. Das Spiel dient der Weiterentwicklung der Künstlichen Intelligenz. „Man kann Robotern nicht alles einprogrammieren“, so Rojas. „Die Maschinen müssen durch Interaktion selbst lernen, ähnlich wie ein Kind.“ Das Mannschaftsspiel liefert dafür das perfekte Umfeld. Die Roboter müssen reagieren, ausweichen, angreifen. „Das ist einerseits überschaubar, weil alles am Boden stattfindet, andererseits ausreichend komplex, um neue Erkenntnisse zu gewinnen.“ Mit ihren kickenden Maschinen haben Rojas und seine Studierenden bereits mehrere Roboter-Weltmeisterschaften gewonnen.

Ein weiteres Großprojekt unter Rojas‘ Federführung ist das selbstfahrende Auto namens „Autonomos“. Seit 2007 wird daran geforscht. „Derzeit gibt es einen regen Wettbewerb in dieser Technologie.“ Dabei haben drei Länder die Nase vorn: die USA, Japan und Deutschland. Auch in Mexiko ist das Interesse groß. Viele Universitäten würden gerne in die Forschung einsteigen, doch dafür sind hohe Investitionen nötig. Rojas hat deshalb anlässlich des Deutschlandjahres in Mexiko eine Idee entwickelt. Er ließ 13 Modell­autos im Maßstab 1:10 bauen. Die Autos sind mit Laserscanner, Videokamera und Computer ausgestattet. Die Hardware ist somit vollständig und einsatzbereit.

Im Juni 2016 wurden die Fahrzeuge an zehn Universitäten in Mexiko verteilt. Dort haben die Studierenden nun einige Monate Zeit, die Software zu programmieren. „So kommen sie bereits am Anfang ihres Studiums mit dem Thema autonomes Fahren in Berührung“, sagt Rojas. Im Herbst 2016 wird sich zeigen, was die angehenden Informatiker erreicht haben. In einem Wettbewerb im Rahmen des Deutschlandjahres in Mexiko treten die Teams der Universitäten gegeneinander an. Dann müssen die Autos auf einem Parcours beweisen, ob sie abbiegen, rote Ampeln erkennen und auf andere Verkehrsteilnehmer Rücksicht nehmen können. ▪

Astrid Herbold