Sag’s demokratisch

Migration und Bildungschancen: Wie Schüler in den USA und Lateinamerika in einem Debattierwettbewerb in deutsche Politik eintauchen.

Debattierwettbewerb: Das Projekt soll Deutschlerner auf ungewohnte Weise für politische Themen in Deutschland begeistern.
Sofia Poenitz, Carlos Fernández Méndez, Elizabeth Modrow, Sofía Stieglitz privat

Die Nervosität kam erst bei der spontanen Dankesrede: Da hüpfte die Stimme von Sofia Poenitz ein paar Töne höher, als sie von einer „linda experiencia“ sprach, einer „schönen Erfahrung“, die ihr der PASCH-Debattierwettbewerb zur Bundestagswahl 2017 gebracht hatte. Die 16-jährige Schülerin der Goethe-Schule im argentinischen Rosario hatte sich im Plenarsaal des Parlaments in Buenos Aires gegen drei Finalisten durchgesetzt. 29 Deutsche Auslandsschulen und Schulen der Initiative „Schulen: Partner der Zukunft“ (PASCH), an denen Deutsch einen hohen Stellenwert hat, hatten an dem Wettbewerb teilgenommen – in Argentinien, Uruguay und den USA. Initiiert hatte den Event das Auswärtige Amt.  

Die vier Finalisten im Plenarsaal des Parlaments in Buenos Aires
Die vier Finalisten im Plenarsaal des Parlaments in Buenos Aires privat

Das Projekt soll Deutschlerner auf ungewohnte Weise für politische Themen in Deutschland  begeistern. Es geht dabei weniger um exzellente Deutschkenntnisse als vielmehr um die Motivation der Schüler, sich in komplexe politische Themen aus Deutschland einzuarbeiten. Sie erhielten vorab Textmaterial in ihrer Landessprache, etwa übersetzte Auszüge aus den Parteiprogrammen zur Bundestagswahl, und recherchierten zusätzlich im Internet.

Augenkontakt und Fairness

Der Wettbewerb fand an 20 Schulen in Argentinien und Uruguay und neun Schulen in den USA statt. Parallel dazu debattierten in einem kleineren Wettbewerb am Goethe-Institut Kairo 40 Schülerinnen und Schüler von mehr als zehn PASCH-Schulen. In Lateinamerika und den USA bereiteten sich die Schüler in Arbeitsgruppen auf die Themen Migration, Umweltschutz und Deutschland in der Europäischen Union vor. Um in den Regionalentscheid einzuziehen, mussten sie sich an ihrer Schule mit einer freien Rede qualifizieren. In der zweiten Runde bewiesen die Schülerinnen und Schüler, wie gut sie sich in die aktuelle deutsche Politik eindenken können. Das Los entschied, welche Parteiposition sie vertreten mussten.

Eine halbe Stunde blieb den Kandidaten zur Vorbereitung, bevor sie die Diskussionsrunden mit einem 90 Sekunden langen Statement eröffneten: Ernst und wortgewaltig präsentierten und verteidigten die jungen Teilnehmer ihre Positionen – ohne verbal verletzende Angriffe. Die Grundregeln der Rhetorik kamen auch hier gut an: Augenkontakt mit dem Publikum suchen, wichtige Argumente wiederholen, mit klarer Körpersprache unterstreichen, nicht zu viel Inhalt auf einmal vermitteln. Sofia Poenitz setzte genau diese Punkte sehr überzeugend um.

Alle waren sehr gut, aber Sofia Poenitz ging auf die Argumente der Gegner am besten ein.

Christian Krüger, Deutsche Botschaft Buenos Aires

Beim Finale im Plenarsaal des Parlaments in Buenos Aires schlüpfte die Argentinierin in die Rolle einer Vertreterin der Partei „Die Linke“. Sie und ihre jugendlichen Mitstreiter, die die SPD, die CDU und die FDP repräsentierten, ließen sich von dem ehrwürdigen, von dunklem Holz geprägten Ambiente, den 200 Zuhörern und hochrangigen Gästen wie der Vorsitzenden des Auswärtigen Ausschusses, Cornelia Schmidt-Liermann, nicht einschüchtern. Auch nicht davon, dass Interessierte die Veranstaltung via Livestream auch außerhalb des Parlaments mitverfolgen konnten. Die vier Finalteilnehmer diskutierten fundiert über Migration und Flüchtlinge sowie über Solidarität und Bildungschancen in Deutschland. „Alle waren sehr gut, aber Sofia Poenitz ging auf die Argumente der Gegner am besten ein“, sagt Christian Krüger von der Kulturabteilung der Deutschen Botschaft in Buenos Aires. Das war einer der Gründe, warum die neun Jurymitglieder aus dem Netzwerk Deutsch und aus deutschen politischen Stiftungen sich für Sofia Poenitz als Siegerin entschieden. Sie darf nun als Hauptpreis mit einer Begleitung ihrer Wahl eine Bildungsreise nach Berlin antreten.

Debatten auf hohem Niveau

In den USA gewann ebenfalls eine junge talentierte Frau den Wettbewerb. Grace Frey aus San Antonio im Bundesstaat Texas überzeugte die Jury mit starker Präsenz zum Thema „Klimawandel“ im Finale, das am Goethe-Institut Washington stattfand. Schon im Vorfeld hatte sie sich mit Positionen der ihr zugelosten rechts-konservativen Partei durchgesetzt, die eigentlich ganz und gar nicht ihren eigenen Ansichten entsprachen. Überrascht hatte die 17 Jahre alte Schülerin festgestellt, wie populistische Phrasen wie „Our people first“ (zuerst unser Volk) und „Migrants have to go“ (Migranten raus) in einer Debatte greifen und wie schwierig es für andere Parteien ist, darauf adäquat zu reagieren. Frey, die im Sommer 2018 ihren Highschool-Abschluss machen wird, setzte sich gegen Ross Adkins und Lucas Wang, beide Schüler der Millard North Highschool in Omaha im Bundesstaat Nebraska, durch. Sie darf sich nun über einen Jugendkurs an einem der Goethe-Institute in Deutschland freuen. Dort werde sie im Sprachunterricht und auf organisierten Ausflügen die Vielfalt deutscher Meinungen hautnah erleben, sagte Dr. Stephanie Hafner, PASCH-Expertin für Unterricht am Goethe-Institut in der US-Hauptstadt, das den Wettbewerb in den USA betreute.

Spannende, engagierte und auf erstaunlich hohem Niveau geführte Debatten zu zentralen Themen der deutschen Politik wie dem Klimawandel und Fragen der Migration – das ist es, was vom ersten Debattenwettbewerb an den US-amerikanischen PASCH-Schulen in Erinnerung bleibt. „Eine Demokratie lebt ganz wesentlich von einer funktionierenden Debatten- und Diskussionskultur, vom Wettstreit der Positionen und Argumente um die Gunst der Wähler“, sagte Boris Ruge, stellvertretender deutscher Botschafter in Washington, bei der Auszeichnung der Finalisten. Mit Recht darf man nun hoffen, dass dieser aufwändig organisierte Wettbewerb bei den Teilnehmern und Zuschauern aller Länder positiv nachwirkt, sie womöglich auch andere für Deutsch begeistern können. Sich auf eine Fremdsprache einzulassen bedeutet eben auch, sich nicht nur mit Vokabeln und Konjugationen zu befassen, sondern tiefer einzudringen in die Gedankenwelt eines Landes.

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