Tourismus in Hamburg - nachhaltig anders!

Die Hansestadt will Vorreiter sein: Sie entwickelt den Tourismus der Zukunft. Nur eine schöne Idee?

Die Hansestadt will Vorreiter sein: Sie entwickelt den Tourismus der Zukunft.
dpa

Es ist heiß in Hamburg, 34 Grad im Schatten. Also langsam bewegen und viel trinken. Wasserflasche raus und … "Prost", sagt da einer. "Erstmal einen Korn, nech?" Korn, so heißt in Norddeutschland der klare Schnaps. Der Trinkspruch kommt von einem Mann, der vor seinem Schuhgeschäft eine kleine Pause macht - auf einer gemütlichen Gartenbank am Rande des begrünten Bürgersteigs. "Spaß muss sein", sagt er, wir lachen beide und kommen ins Gespräch - über den Stadtteil, der lange ein grauer Arbeiterbezirk war, mit Fabriken und kleinen Wohnungen, und der nun ziemlich hip und ein bisschen alternativ ist: viele junge Familien, viele Fahrräder, Bio-Bäcker und vegane Restaurants, kleine Werkstätten, Secondhand-Läden, Öko-Mode, vorsichtig instand gesetzte Häuser, Kultur- und Begegnungszentren in ehemaligen Industriebrachen.

Kreativ, ökologisch, sozial

Der Hamburger Stadtteil Altona gehört traditionell nicht zu den Zielen, die man als Gast der Hansestadt unbedingt erkunden will. Dass sich das gerade ändert, hat viel mit einem neuen Tourismus-Konzept zu tun, das Sascha Albertsen und sein Team für die Hamburg Tourismus GmbH entwickelt haben.

"Hamburg nachhaltig erleben" heißt es und verfolgt das Ziel, "eine tragfähige Balance zwischen Wachstum und Wohlstand einerseits sowie ökologischer Verträglichkeit, sozialer Verantwortung und kultureller Sensibilität andererseits zu schaffen". Konkret bedeutet das: Hamburg setzt im Bereich Tourismus auf Wachstum, sieht aber auch die Verantwortung für die Entwicklungen, die damit einhergehen. Klimafreundlich will man sein und sich für das Miteinander von Hamburgern und Gästen einsetzen.

Die Gäste sollen zufrieden sein, die Lebensqualität in der Stadt befördert werden. Aber Flächen und Ressourcen der Stadt sind nun mal begrenzt. Deshalb, so das Credo, müsse man mit dem, was man hat, kreativ und nachhaltig umgehen. Klingt gut. Aber kann das auch gelingen? Anregungen für den Praxis-Test gibt es auf der Internetseite www.hamburg.tourismus.de/nachhaltigkeit oder in der handlichen Broschüre "Unser grünes Hamburg".

Empfohlen wird dort die Anreise per Bahn, die mit 100 Prozent Ökostrom unterwegs ist. Weiter geht es dann mit der ebenfalls von Ökostrom betriebenen S-Bahn, dem besonders emissionsarmen Umwelttaxi, einem Fahrzeug eines Car-Sharing-Anbieters, mit dem E-Roller oder einem Leihfahrrad. Das gibt es in Hamburg tatsächlich an fast jeder Ecke, im gesamten Stadtgebiet stößt man auf eine der 350 Ausleih-Stationen.

Nachhaltig unterkommen

Wer nur einen Tag zu Besuch kommt, so wie ich, begibt sich sofort auf Entdeckungstour, wer länger bleibt, kann sogar nachhaltig übernachten - in einer Unterkunft, die sich bewusst für Umwelt und Natur einsetzt. Davon gibt es in Hamburg eine ganze Reihe. Sie werben mit klimafreundlicher Bauweise, Essen in Bioqualität und aus regionalen Produkten, mit eigenem Umweltmanagement oder dem Bienenvolk auf dem Dach.

Einige der Häuser unterstützen auch soziale Projekte, sind behindertengerecht eingerichtet und betonen die besondere Wertschätzung der Mitarbeiter. Finden wird man die nachhaltigen Hotels nahezu im gesamten Stadtgebiet. Denn Hamburg Tourismus möchte die Gäste nicht im Innenstadtbereich konzentrieren, sondern sie verteilen und gezielt in unterschiedliche Stadtteile lenken.

Sie seien, sagt Sascha Albertsen, Netzwerker, die mit Stadtplanern, lokalen Bezirksämtern und der Wirtschaftsförderung zusammenarbeiten, um die dafür notwendige dezentrale Infrastruktur zu schaffen. Und sie sind erfindungsreiche Werber, die wissen, wie man Gäste neugierig macht - auf "grüne" Ausflüge, Shopping-Touren oder die Erkundung von Stadtteilen, in denen sich allerlei Grünes und Nachhaltiges verbirgt. In Altona sind das etwa Hamburgs erster Unverpackt-Laden "Stückgut" oder die Hafenholz Holzmanufaktur, die bekannt ist für regionales Upcycling: aus Holzresten, die bei der Verarbeitung im Hafen anfallen, entstehen neue Möbel und Accessoires.

Ein paar Straßen weiter gibt es Naturtextilien, Bio-Kräutertees und Bio-Feinkost. Im Schuhgeschäft des netten Herrn, der mir die Entwicklung seines Stadtteils Altona erzählt hat, Flipflops aus Kautschuk mit Kork-Sandale. Und in die historischen Hallen der ehemaligen Schiffsschraubenfabrik Heise sind unter anderem ein Kino, Medienunternehmen und eine Buchhandlung eingezogen.

Nachhaltig als Prozess

Natürlich ist das alles nur ein Anfang. Denn Hamburg ist immer noch eine Autostadt. Und eine Hafenstadt mit einem großen Kreuzfahrt-Terminal. Und natürlich gibt es kaum ein Gebäude, das komplett klimaneutral ist. Aber, sagt Sascha Albertsen, Nachhaltigkeit sei ja ein Prozess. Den wolle man in Hamburg voranbringen, und die Gäste der Stadt für das Thema sensibilisieren. Besonders anschaulich gelingt das übrigens im Nachhaltigkeitspavillon "Osaka 9" in der Hafen-City.

Hamburgs neuester Stadtteil, so erfährt man hier in einer kleinen Ausstellung, erfüllt in verschiedensten Bereichen höchste Nachhaltigkeitsansprüche: Das reicht von der Umnutzung des früheren Hafen- und Industriegebiets über Mischnutzung, kurze Wege, und eine effiziente Energieversorgung bis zu umweltfreundlichen Gebäuden. Die Zentrale des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel" etwa kommt ganz ohne Heizung und Klimaanlage aus. Der Energieverbrauch wurde dank Dreifachverglasung, Geothermie und Photovoltaik deutlich gesenkt.

Wer sich aufmacht, das "grüne" Hamburg zu erkunden, entdeckt die Stadt ganz neu, denn hier bewegt sich in der Tat einiges. Und das macht richtig Spaß!