Mit der Kraft der Sonne

Kein anderes Land in Nordafrika arbeitet so zielstrebig an der Umstellung auf erneuerbare Energien wie Marokko. Ein riesiges Solarkraftwerk ist jetzt ans Netz gegangen.

Der 4. Februar 2016 wird in die Geschichte Marokkos eingehen, daran besteht schon heute kein Zweifel. Denn an jenem Tag ist das nordafrikanische Land in eine neue Ära gestartet, zumindest was die Energieversorgung angeht. Begonnen hat sie mit einem unscheinbaren Knopfdruck von Marokkos König Mohammed VI.: Vor den Augen Hunderter Ehrengäste, die mit zwei gecharterten Flugzeugen in den Süden des Landes gebracht worden waren, setzte er die Turbine des Solarthermie-Kraftwerks „Noor I“ in Gang.

Der erste Bauabschnitt der riesigen Anlage, die am Rande der Wüste Sonnenenergie in Strom verwandelt, ist damit am Netz. Tausende Parabolspiegel reihen sich in der kargen Landschaft aneinander. Sie bündeln das Sonnenlicht und erhitzen damit eine Flüssigkeit, mit deren Wärmeenergie die Turbine zum Laufen gebracht wird. Die Anlage hat eine Kapazität von 160 Megawatt, was rechnerisch ausreicht, um 350.000 Menschen mit Strom zu versorgen. In einigen Jahren soll die Anlage nahe der Stadt Ouarzazate so groß sein, dass sie Strom für mehr als eine Million Menschen liefern kann.

Vorreiter in der Region

Marokko ist damit endgültig zum Vorreiter der Energiewende in Nordafrika aufgestiegen. Kein anderes Land der Region arbeitet so zielstrebig an der Umstellung auf erneuerbare Energien. „Pünktlich zur Weltklimakonferenz in Paris Ende 2015 wurden die Ziele nochmal hochgeschraubt“, sagt Jan Schilling, Projektmanager der deutschen Förderbank KfW in der marokkanischen Hauptstadt Rabat. 52 Prozent der in Marokko installierten Stromkapazität sollen nun bis zum Jahr 2030 aus Sonne, Wind und Wasserkraft stammen. Bisher liegt der Anteil bei etwa einem Drittel, allerdings handelt es sich dabei vorwiegend um ältere Wasserkraftanlagen aus den 1960er- und 1970er-Jahren.

Der Grund für das energische Vorgehen Marokkos liegt auf der Hand. Der Energiehunger des wirtschaftlich wachsenden Schwellenlandes wird von Jahr zu Jahr größer – und der Löwenanteil der benötigten Primärenergie muss importiert werden. Vor allem für Kohlelieferungen zahlt Marokko hohe Summen, die den Haushalt belasten. Der Umstieg auf die Erneuerbaren ist für das Königreich die Chance, sich von dieser finanziellen Belastung und der Abhängigkeit von Lieferanten zu befreien. Die wichtigste Voraussetzung dafür, dass dieser Plan aufgeht, ist gegeben: König Mohammed VI. steht hinter dem Projekt.

Kraftwerksturbine aus Deutschland

Unterstützung bekommt er von ausländischen Geldgebern. Die Förderbank KfW steuert im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) für das Solarkraftwerk mehr als 860 Millionen Euro in Form von vergünstigten Krediten bei. Das ist mehr als ein Drittel der veranschlagten Kosten von 2,2 Milliarden Euro. Indirekt kommt dieses Geld auch deutschen Unternehmen zugute, die wichtige Bauteile für das Kraftwerk, zum Beispiel die Turbine, liefern. Der deutsche Entwicklungsminister Gerd Müller vereinbarte Ende Februar bei einem Besuch in dem Maghreb-Staat mit dem marokkanischen Energieminister weitere Kooperationen, „die auch die Investitionen der deutschen Wirtschaft auf diesem Zukunftsfeld sichert“, wie das BMZ mitteilte.

Eine unter anderem vom BMZ unterstützte Studie des Wuppertal Instituts und der Nichtregierungsorganisation Germanwatch, die im vergangenen Sommer veröffentlicht wurde, zeigt, dass das Solarprojekt der einheimischen Bevölkerung Marokkos zugute kommt. „Während vielen Erneuerbare-Energien-Projekten in Europa mit einer ,nicht in meinem Vorgarten-Haltung‘ begegnet wird, wurde Noor I sehr positiv in der Region Ouarzazate wahrgenommen“, fassen die Autoren zusammen. Sie geben allerdings zugleich Hinweise darauf, wie die positive Wirkung für die Bevölkerung erhöht werden kann – unter anderem durch eine stärkere Beteiligung von Frauen in den Arbeitsabläufen.

„Signalwirkung für die Energiewende“

Die Entstehung des Solarparks in Marokko habe „Signalwirkung für die Energiewende in Afrika“, sagt Christoph Kannengießer, Hauptgeschäftsführer des Afrika-Vereins der deutschen Wirtschaft. Allerdings sei das Projekt bislang „nur ein Tropfen auf den heißen Stein“. Schließlich müssten noch immer 600 Millionen Afrikaner ohne Strom auskommen. Die westliche Wirtschaft sieht das als Chance. Ähnlich wie beim Mobilfunk könne in Afrika eine Technologiestufe übersprungen werden und direkt der Ausbau der erneuerbaren Energien vorangetrieben werden. „In Nordafrika sind vor allem Tunesien, Ägypten und Algerien interessant. Der aktuelle tunesische Entwicklungsplan beinhaltet das Ziel, bis 2030 insgesamt 30 Prozent der Stromgewinnung aus Erneuerbaren zu erzeugen“, sagt Kannengießer. Ägypten will bis 2020 insgesamt 20 Prozent des erzeugten Stroms aus erneuerbaren Quellen gewinnen. Beim Klimagipfel in Paris im Dezember 2015 haben zahlreiche Länder finanzielle Unterstützung für die Pläne in Afrika zugesagt. Voraussetzung für den Erfolg sind allerdings politische Stabilität und Frieden. Während einzelne Terroranschläge wie in Tunesien nach Einschätzung von Wirtschaftsvertreter Kannengießer keine deutschen Unternehmen aus dem Land vertrieben haben, macht ein Bürgerkrieg wie in Libyen alle Bemühungen zunichte.

Afrika steht am Anfang der Ökostrom-Entwicklung. Es geht den Ländern in erster Linie darum, mit den Projekten ihren eigenen Strombedarf zu decken. Doch auch der Traum vom Wüstenstrom-Export nach Europa, wie ihn die Industrie-Initiative Desertec einst geweckt hat, ist nicht tot. „Marokko importiert derzeit Strom. Der Export ist aber weiterhin ein strategisches Ziel“, sagt KfW-Fachmann Schilling. Die nötigen Unterseekabel nach Europa gibt es schon, damit Marokko Strom geliefert bekommen kann – irgendwann könnte der Strom in die entgegengesetzte Richtung fließen. ▪