Für unabhängigen Journalismus

Tamina Kutscher, Chefredakteurin der Medienplattform dekoder.org, über ihre Veröffentlichungen unabhängiger russischer Medien.

Stimme im deutsch-russischen Austausch: Tamina Kutscher (M.)
Stimme im deutsch-russischen Austausch: Tamina Kutscher (M.) Lars Welding für bpb.de

Berichte zu Alexej Nawalny, Analysen zur Situation in Belarus, Einordnungen zur russischen Außenpolitik: All diese Themen – und noch viele mehr – werden auf dekoder.org beleuchtet. Das Team hinter der Plattform übersetzt Beiträge unabhängiger russischer Medien ins Deutsche und will so einen offenen, grenzüberschreitenden Dialog ermöglichen. Zusätzlich erstellen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler europäischer Universitäten russlandbezogene Beiträge für das Portal; seit Kurzem gibt es zudem einen eigenen Schwerpunkt zu Belarus. Finanziert wird die gemeinnützige GmbH mit Spenden, die Förderer werden auf der Website genannt. Geld von parteinahen Stiftungen nimmt dekoder nicht an. Im Interview mit deutschland.de spricht dekoder-Chefredakteurin Tamina Kutscher über ihre Ziele im deutsch-russischen Austausch.

Frau Kutscher, das Motto von dekoder lautet „Russland entschlüsseln“ – wie gelingt Ihnen das?

„Russland entschlüsseln“ ist sozusagen das hehre Ziel, dem wir uns täglich aufs Neue stellen – im Bewusstsein, dass uns das wahrscheinlich nie völlig gelingen wird. Wir verstehen das Motto als Anspruch, das Wissen über Russland zu mehren. Dabei, und das ist das besondere Konzept unseres Gründers Martin Krohs, fahren wir zweigleisig: Wir übersetzen unabhängige russische Medien und bieten zugleich viel Kontext, mit Einordnungen, die unsere Redaktion selbst schreibt, aber auch Beiträgen, die Wissenschaftler für uns verfassen. So möchten wir unseren Nutzerinnen und Nutzern umfangreiches Hintergrundwissen zugänglich machen und dabei auch besondere Begrifflichkeiten einordnen. Ein Beispiel ist die Verwendung des Begriffs „liberal“, der im Deutschen eher positiv besetzt ist, während er im Russischen fast als Schimpfwort verwendet wird.

Welche Themen stehen auf dekoder.org im Vordergrund?

Eine große Rolle spielt die russische Innenpolitik: Das ist das Thema, das die meisten unabhängigen Medien in Russland umtreibt. Zugleich bieten wir eine breite Themenvielfalt, die zum Beispiel in der Kultur von Bandporträts bis zu einem Dossier über russische Fotografie reicht. Wir können auch Themen aufgreifen, die es eher nicht in die klassische Auslandsberichterstattung schaffen. Selbst Dinge des alltäglichen Lebens in Russland und ihre oft weitreichende Bedeutung thematisieren wir: vom Teppich an der Wand bis zur Kolbassa, der mit vielen historischen Erinnerungen verbundenen russischen Wurst.

dekoder.org bietet so unterschiedliche journalistische Formate wie Datenanalysen zu Reden Präsident Putins, Multimedia-Dossiers oder die umfassende grafische Aufbereitung von Wahlergebnissen. Warum ist Ihnen diese Vielfalt wichtig?

Gerade weil wir uns häufig an der Schnittstelle von Wissenschaft und Journalismus bewegen, wollen wir Wissen facettenreich vermitteln. Davon profitiert nicht nur der Journalismus, sondern auch die Wissenschaft, deren Erkenntnisse medienwirksam aufbereitet werden. In unserem neuen Projekt „dekoder lab“ wollen wir nun weitere solcher innovativer Online-Formate entwickeln.

Wir wollen zu einem offenen Dialog zwischen Deutschland und Russland beitragen.

Tamina Kutscher, dekoder.org

Sehen Sie ihre Aufgabe auch in der Stärkung des deutsch-russischen Austauschs?

Natürlich hoffen wir, dass wir zu einem offenen Dialog zwischen Deutschland und Russland beitragen. Diesen Anspruch nehmen wir sehr ernst, und ich denke, das liegt auch in der Natur unserer Arbeit. Seit November 2019 gibt es die russischsprachige Variante von dekoder mit dem Motto „Europa entschlüsseln“. Mit ihr unterstreichen wir, dass wir den Dialog in beide Richtungen fördern wollen.

Seit Ende 2020 haben Sie zudem Beiträge zu Belarus zu einem eigenen Schwerpunkt auf dekoder.org ausgebaut. Wie ist es dazu gekommen?

Das Konzept von dekoder ist ja für ganz unterschiedliche Weltregionen gut vorstellbar; das ist aber auch immer eine Frage der zwingend benötigten Kompetenz und Ressourcen. Wir konnten schließlich hervorragend geeignete Kollegen für unseren Belarus-Schwerpunkt gewinnen. Durch die dramatischen Ereignisse seit der Präsidentschaftswahl war auch für die uns fördernden Stiftungen die Relevanz eines solchen Schwerpunkts unstrittig. Schon jetzt ist klar, dass Belarus nicht mehr das Land ist, das es einmal war. Diese Entwicklung mit unserer Medienarbeit zu begleiten, ist wichtig und mehr als angebracht.

 

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