Literatur: Die Weltenwanderin

Nino Haratischwili ist in Georgien aufgewachsen, doch sie schreibt auf Deutsch. In ihrem neuen Roman geht es um das Böse in uns allen.

Schriftstellerin Nino Haratischwili aus Georgien.
Schriftstellerin Nino Haratischwili aus Georgien. dpa

Sie schreibt über Folter, Vergewaltigung und Krieg. Und nebenbei wechselt sie Windeln. Oder kocht Nudeln. „Ich kann das, was ich recherchiere und schreibe, zum Glück hinterher von mir fern halten“, erzählte Nino Haratischwili in einem Interview. Angst vor harten Themen hatte die Schriftstellerin noch nie. Schonungslos schreibt sie über menschliche Abgründe – und zugleich so opulent und mitreißend, dass die Leser ihre viele hundert Seiten dicken Bücher von der ersten bis zur letzten Zeile verschlingen. Geboren wurde Haratischwili in Georgien, dem Land, das in diesem Jahr Ehrengast der 70. Buchmesse in Frankfurt ist.  

Faszination für Deutschland seit der Schulzeit

Die 35-Jährige lebt heute in Hamburg. Ihre Muttersprache ist Georgisch, aber sie schreibt auf Deutsch. Schon als Jugendliche verfasste sie deutsche Texte und gründete eine deutsch-georgische Theatergruppe. Woher kommt diese Faszination für die deutsche Sprache und Kultur? Die Autorin führt sie auf ihre Schulzeit zurück: Sie besuchte ein deutsches Gymnasium in Tiflis. Dort gab es viele junge engagierte Lehrer, die versuchten, den Kindern Deutschland näherzubringen. Die Schule gehört heute zum Netzwerk der PASCH-Schulen, an denen Schülerinnen und Schüler das deutsche Sprachdiplom erwerben können.

Weil es Georgien nach dem Zerfall der Sowjetunion wirtschaftlich schlecht ging, suchte sich Nino Haratischwilis Mutter Arbeit in Deutschland. Ihre Tochter nahm sie mit. In Bielefeld besuchte Nino die siebte und achte Klasse. Danach kehrte sie nach Georgien zurück, studierte aber später in  Hamburg Theaterregie. Für ihren ersten Roman „Juja“ gewann sie gleich den Debütpreis des Buddenbrookhauses Lübeck.

Nach „Mein sanfter Zwilling“ gelang Haratischwili mit ihrem dritten Buch „Das achte Leben (Für Brilka)“ ihr bisher größter Erfolg. Der Roman umspannt mehr als 100 Jahre osteuropäischer Geschichte und mehrere Generationen georgischer Familiengeschichte. Das Buch wurde mehrfach ausgezeichnet und vom Thalia Theater in einer rund fünf Stunden langen, spektakulären Inszenierung auf die Bühne gebracht.

Eine Geschichte über Schuld und Sühne

Zur Frankfurter Buchmesse präsentiert die 35-Jährige neuen Lesestoff: „Die Katze und der General. Der Roman schaffte es aus dem Stand auf die Shortlist für den Deutschen Buchpreis.

Diesmal widmet sie sich nicht den Opfern von Krieg und Gräueltaten wie in „Das achte Leben“, sondern den Tätern. Das Buch handelt von Alexander Orlow, einem russischen Oligarchen, der „General“ genannt wird. Er hat ein neues Leben in Berlin begonnen. Doch die Erinnerungen an seinen Einsatz – und seine Taten – im Ersten Tschetschenienkrieg lassen ihn nicht los. Jetzt will er das grauenvolle Verbrechen sühnen, das er mit Kameraden begangen hat. Eine Geschichte über die Sehnsucht nach Frieden und Erlösung und den Krieg in unserem Kopf.

Auf der Frankfurter Buchmesse ist Nino Haratischwili in diesem Jahr Dauergast: Zwölf Lesungen und Diskussionen stehen auf ihrem Programm. Sie spricht über ihre Bücher, über das Land an der Schnittstelle von Asien und Europa – und über ihr Leben zwischen den Kulturen.

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