Beirut Short Stories

Die Texte handeln von Krieg, aber auch vom Erwachsenwerden in einer globalen Welt: Die Schreibwerkstatt „Beirut Short Stories“ hat spannende Kurzgeschichten hervorgebracht.

Sarah Kanning - Book Fair

Es ist eine morgendliche Militärpatrouille, bei der Dschabir die Nerven verliert. Er erträgt es nicht, mit Waffen behängt an einem kleinen Park vorbeizumarschieren, in dem er seine Kindheit verbracht hat – lange bevor die Stadt von Minen gespickt und von Scharfschützen belagert war. Friedlich fallen Schneeflocken, als Dschabir ausrastet. Eine Szene voller Kontraste. Es sind nur 14 Seiten, auf denen der Leser Dschabir kennenlernt. Doch Ayham Kazouns Kurzgeschichte „Die Hauptstadt“ ist fesselnd und bleibt noch lange Zeit im Gedächtnis. Kazoun sagt nicht, in welcher Stadt die Geschichte spielt. Dadurch wird der Kriegsschauplatz beklemmend austauschbar. Beirut? Damaskus? Eine der anderen Kriegsstätten dieser Tage?

Ayham Kazoun ist einer der Finalisten der Schreibwerkstatt „Beirut Short Stories“, einem gemeinsamen Projekt der KfW Stiftung, des Goethe-Instituts Libanon und des Vereins Litprom unter Mitwirkung der Commonwealth Foundation in London. In Kooperation mit Litprom wurden die Kurzgeschichten der drei Finalisten – der Libanesin Rola el Hussein, des Libanesen Ayham Kazoun und des Syrers Orwa Al Mokdad, ins Deutsche übersetzt. Die Schreibwerkstatt im Libanon fand nach den großen Erfolgen der beiden Schreibwerkstätten in Kairo erstmals 2016 statt. Im Jahr 2017 gibt es eine Fortsetzung in Beirut.

Book Fair

„Ein Lichtblick“

Der Schriftsteller, Journalist und Übersetzer Hussain Al-Mozany, der die Workshops 2016 leitete, beschreibt die Schreibwerkstätten „als Lichtblick“. „Schreiben“, so Al-Mozany, „ist elementar“. Die Workshops in Ägypten und im Libanon waren unterschiedlich, im Vergleich zu Kairo sind die Geschichten der libanesischen Nachwuchsautoren tiefgründiger und vielfältiger, aktueller und weniger historisch. In vielen Geschichten geht es um Krieg. Er habe die Teilnehmer dazu ermutigt, so erzählt Al-Mozany, „auf Hocharabisch zu schreiben, damit jeder sie verstehen kann, und in ihren Texten kleine Steine zu verstecken, damit der Leser wachsam bleibt“.

Auf der Frankfurter Buchmesse 2016 haben zwei Finalisten der Schreibwerkstätten, der Autor und Blogger Ayham Kazoun und die Drehbuchautorin und Lyrikerin Rola el Hussein, ihre Kurzgeschichten vorgestellt. deutschland.de hat mit ihnen gesprochen.

Rola el Hussein – „Das Kleid“

Eine Frau betritt ein schickes Modegeschäft in Beirut. Zwei Monate lang traute sie sich nicht hinein und bewunderte das ersehnte Kleid immer nur von außen, durch eine spiegelnde Schaufensterscheibe. Als sie sich schließlich hineinwagt, stellen ihre Wünsche den Verkäufer vor schier unlösbare Herausforderungen: Sie möchte nicht nur ein Exemplar kaufen, sondern sieben. Sie braucht schließlich eins für jeden Tag.

„Ich habe meine Kurzgeschichte während des Workshops zweimal quasi neu geschrieben, bin mit den anderen Teilnehmern immer und immer wieder die einzelnen Bausteine durchgegangen. Dinge sind dazugekommen – wie beispielsweise die französischsprachigen Dialoge im Geschäft, dann musste ich wieder kürzen. Unser Kursleiter Hussain Al-Mozany hat uns eingeschärft, dass eine Kurzgeschichte nichts Überflüssiges enthalten darf. Ich schreibe eigentlich Gedichte. Meine größte Angst war, dass jemand sagen könnte, die Geschichte wäre als Gedicht eigentlich schöner. Doch die Schreibwerkstatt hat mir Mut gemacht: Vielleicht entwickle ich aus dem Text sogar noch einen Roman – ich habe mich schon für einen Workshop zum Romanschreiben angemeldet.“

Die Geschichte kann hier heruntergeladen werden

Ayham Kazoun – „Die Hauptstadt“

Der Leser begleitet den Protagonisten Dschabir erst auf seiner Flucht vor dem Militär, dann während seiner Gefangennahme und schließlich während seines Ausrastens in der morgendlichen Patrouille. Der Eindruck einer vom Krieg veränderten Stadt ist berührend und wird durch Dschabirs Augen schmerzlich greifbar.

„Eine kurze Geschichte zu schreiben ist manchmal vielleicht schwieriger als einen Roman, so kommt es mir vor. Ich bin kein Literat – aber ich wollte trotzdem, dass die Leser etwas aus meiner Welt erfahren. Der Workshop hat mir neue Horizonte geöffnet. Ich habe viel Neues gesehen und gelernt. Ich weiß jetzt, wie ich mich weiterentwickeln kann und bin voller Energie. Vor Kurzem habe ich schon die nächste Geschichte begonnen. Darin geht es wieder um den Krieg. Er lässt mich einfach nicht los.“

Die Geschichte kann hier heruntergeladen werden

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