Das digitale Bauhaus

Seit 25 Jahren führt das Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) in Karlsruhe die klassischen Künste ins digitale Zeitalter.

dpa/Uli Deck - ZKM

Wo einst Munition 
für Waffen erzeugt worden sei, werde heute die Gesellschaft für die Zukunft munitioniert. Mit diesen Worten resümiert der Oberbürgermeister von Karlsruhe, Frank Mentrup, die Geschichte 
des ZKM (Zentrum für Kunst und Medientechnologie), einer weltweit einzigartigen Kulturinstitution: Sie vereint alle Medien und Gattungen, analoge wie digitale, bietet raumbasierten Künsten wie der Malerei, Fotografie oder Skulptur ebenso eine Heimat wie den zeitbasierten Medien Film, Video, Medienkunst, Musik, Tanz, Theater und Performance. Bis heute haben mehr als vier Millionen Besucher in rund 300 Ausstellungen und Aufführungen Anteil genommen an den Visionen des ZKM in Karlsruhe.

Von Anfang an lautete die Leitfrage: Wie verändern sich Kunst und Gesellschaft durch die aufkommenden neuen Informations- und Kommunikationsmedien? Der Gründungsrektor Heinrich Klotz hat dem Zentrum deshalb früh den Ehrentitel „digitales Bauhaus“ verliehen – in Anspielung auf das 1919 gegründete Bauhaus in Weimar, später Dessau, das erstmals die Künste vom Handwerk auf die Maschine orientierte. Das ZKM dagegen vermittelt – entsprechend den technologischen Möglichkeiten im 21. Jahrhundert – die Künste mit den digitalen Techniken, ohne dabei in blinde Medieneuphorie zu verfallen. Es beherbergt Institute und Labors, in denen geforscht und entwickelt wird, es bewahrt nicht nur im klassisch musealen Sinne in Archiven und Sammlungen, sondern hilft aktiv bei der Produktion von Kunst.

1985 wurde das „MIT Media Lab“ in Massachusetts als eine Denkfabrik des neuen digitalen Zeitalters ins Leben gerufen. Doch bereits ein Jahr zuvor hatte der damalige Kulturreferent der Stadt Karlsruhe, Michael Heck, einen ersten Vorschlag zur Gründung eines „interdisziplinären Zentrums für Forschung, Lehre und künstlerische Aktivitäten“ vorgelegt, der dann 1989 in die Tat umgesetzt wurde. Zunächst blieb das ZKM auf mehrere Standorte in Karlsruhe verteilt. Im Herbst 1997 fand der neue Hort der Medienkünste dann seine endgültige Heimat in einem historischen Hallenbau der ehemaligen Industriewerke Karlsruhe-Augsburg. In den 1920er-Jahren wurden hier zunächst zivile Utensilien wie Dosen und Milchkannen hergestellt, bevor einige Jahre später Munition und Waffenteile in großem Stil produziert wurden. Der österreichische Künstler und Medientheoretiker Peter Weibel, der Klotz im Jahr 1999 als Direktor folgte, erklärt, wie das ZKM auf zweifache Weise den bösen Geist aus den Gemäuern vertrieben hat: „Erstens durch die Verwandlung einer Kriegsfabrik in eine Kulturfabrik und zweitens durch die Verwandlung von Kriegsgeräten in Medienkunstwerke.“ So durfte kürzlich die ungarische Künstlerin Kata Legrady Kalaschniknow-Gewehre mit Smarties verzieren und ehemalige Tötungsmaschinen einfach weglächeln.

Seine geografische Lage im Schnitt­punkt wichtiger Verkehrsverbindungen, seine enge Nachbarschaft zu Frankreich und die zahlreichen Kooperationen mit europäischen Partnern wie etwa dem Steirischen Herbst in Graz, dem Media Center D’Art i Disseny in Barcelona oder dem IRCAM in Paris – all das macht das ZKM zu einer Drehscheibe der Ideen und Anregungen für alle Teile Europas. Doch auch hier gilt inzwischen: Think global, act local! Ab Juni 2015 soll eine vier Millionen Euro teure Ausstellung unter dem Titel „Globale“ die kulturellen Effekte der Globalisierung, die wechselseitigen Beeinflussungen und Infragestellungen von verschiedenen Kulturkonzeptionen darstellen. Um seinen Fortbestand muss sich das ZKM bei solch ambitionierten Programmen keine Sorgen machen. Denn wie hatte der Nobelpreisträger für Physik von 2011, Adam G. Riess, zum 25. Jahrestag des ZKM in einer Videobotschaft „Über die Zukunft des Universums“ so schön formuliert: „Don’t panic – das ZKM hat noch 35 Milliarden Jahre vor sich“. ▪

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