TdT_Deutschpopp_05042017

Neues deutsches Gefühl

Sanfte Töne, tiefe Gefühle: In Deutschland hört man im Radio derzeit sehr häufig Songs von melancholischen jungen Männern. Warum?
von Julia Bähr

Deutschland. Die neuen deutschen Melancholiker sind allesamt sympathische Kerle um die 30. Sie heißen Tim Bendzko, Matthias Schweighöfer, Max Giesinger, Mark Forster, Andreas Bourani, Johannes Oerding, Philipp Poisel, und Max Prosa. Man kann sich nicht vorstellen, dass sie jemals ein Selfie mit einem Fan ablehnen würden. Auf YouTube schwärmen Kommentatoren, ihre Lieder seien so ehrlich, schmerzvoll und berührend. Dabei geht es kaum um die Musik: Die neue Melancholie lebt von ihren Texten. Diese Lieder sollen wirken, als habe jemand sein Herz ausgeschüttet. Jetzt liegt das ganze Elend da, dazwischen ein bisschen Hoffnung, und die Zuhörer suchen nach Zeilen, in denen sie sich wiederfinden.

„Ich trag dich durch den Sturm irgendwie nach Haus / Wo immer das auch ist, das finde ich schon noch raus“, singt ihr neuester Vertreter Matthias Schweighöfer. Der Filmschauspieler („Keinohrhasen“) hat gerade mit „Lachen Weinen Tanzen“ sein erstes Album veröffentlicht. Tim Bendzko singt unterdessen in „Winter“: „Wie kann man verbergen, dass das Herz gefriert? / Der Winter ist hier / Bin so merkwürdig abgestumpft / Adrenalin in Ketten aus Blei / Der Winter spielt das falsche Lied“.

Sicherheit in unruhigen Zeiten

Nie distanzieren sich die melancholischen Singer-Songwriter durch Ironie von den eigenen Gefühlen. Sie können sich schon deshalb nicht über ihre Gefühle lustig machen, weil sie sich damit über die der Fans ebenfalls erheben würden. Also singt Philipp Poisel zu einem hüpfenden Keyboard: „Erkläre mir das Leben / Ich weiß nicht, wie es geht“.

Tatsächlich gibt es einen guten Grund, warum diese Musik in Deutschland so viele Fans hat: Sie bietet Sicherheit in politisch angespannten Zeiten. Es geht nur um Gefühle, kontroverse Themen kommen nicht vor. Hier wird nicht debattiert, hier wird gekuschelt. Zumindest eine wichtige Funktion erfüllen die Texte damit: Sie verbinden. Jeder ist mal traurig, jeder fühlt sich dem Leben manchmal nicht gewachsen, jeder sehnt sich nach Liebe. Der kleinste gesellschaftliche Nenner ist eben manchmal ein kitschiges Lied. Mit Cello.

© www.deutschland.de

von Julia Bähr

Kommentar hinzufügen

Zum Verfassen von Kommentaren bitte Anmelden.