Lateinamerikas 
Wohnzimmer in Berlin

Das Lokal „Gloria“ ist ein Treffpunkt junger Lateinamerikaner in Berlin. Sie kommen wegen der guten Gespräche und des guten Essens, aber auch wegen der Besitzer.

Die Kartenlegerin in Buenos Aires wusste genau, wie alles kommen würde. „Sie sagte, wir werden sehr lange zusammenbleiben, vielleicht für immer, und gemeinsam eine langjährige Reise unternehmen“, sagt Maximiliano Pallocchini. „Das war vor 16 Jahren.“ Der 40-Jährige lächelt, ein großer Mann in Jeans und weißem Hemd, mit raspelkurzem Haar und gutmütigem Blick. „Und seit drei Jahren sind wir jetzt schon in Berlin.“ Er schaut zu seiner Frau, die neben ihm sitzt.

Samanta Schweblin, 37, ist Schriftstellerin. Der peruanische Literatur-Nobelpreisträger Mario Vargas Llosa sagt, sie sei eine der vielversprechendsten Stimmen der modernen spanischsprachigen Literatur. Für ihren Erzählband „Die Wahrheit über die Zukunft“ erhielt sie 2008 den Premio Casa de las Américas.

Pallocchini und Schweblin sitzen im Restaurant „Gloria“ – ein bisschen Wohnzimmer, ein bisschen Bar, direkt am Görlitzer Park, mitten im Szeneviertel Kreuzberg. Eine dunkle Tapete mit Goldornamenten ziert die Wände, ein paar Sessel und Sofas stehen herum. In der Mitte thront die Theke, im Hintergrund läuft leise ein Tango, ein paar Gäste plaudern auf Spanisch. Später werden in Deutschland lebende Lateinamerikaner eigene Aphorismen vortragen.

Das Lokal ist ein Treffpunkt der jungen lateinamerikanischen Gemeinde Berlins, mindestens die Hälfte der regelmäßigen Gäste stammt aus Chile, Argentinien, Peru, Bolivien oder Ecuador. Die Leute kommen wegen der Empanadas – der typischen gefüllten Teigtaschen – oder wegen des Ceviche, einer Mischung aus mariniertem rohem Fisch und Gemüse. Und wegen der Besitzer.

Schweblin und Pallocchini haben das „Gloria“ im Frühjahr 2013 eröffnet, gemeinsam mit dem chilenischen Regisseur Sebastián Lelio und dessen Frau Virginia, einer Galeristin. Ein halbes Jahr zuvor waren die vier nach Berlin gekommen. Schweblin und Lelio hatten ein Stipendium des Berliner Künstlerprogramms des Deutschen Akademischen Austauschdienstes, für ein Jahr. Als die vier eines Abends zusammensaßen, erzählte Pallocchini von dem Restaurant, das er einst in Buenos Aires hatte, und Lelios Partnerin Virginia sagte: „Lasst uns ein Lokal aufmachen.“ Die anderen waren begeistert. Allen war klar: Sie wollten Berlin so schnell nicht wieder verlassen.

Sie begannen gleich mit der Planung, fragten andere Lateinamerikaner, wie sie an die Zutaten kommen konnten – peruanische Paprika, mexikanische Schokoladensauce und natürlich argentinisches Fleisch. Einen Namen hatten sie schnell gefunden: Das Restaurant sollte nach Lelios Film „Gloria“ heißen. Dessen Hauptdarstellerin Paulina García hatte gerade bei der Berlinale den Silbernen Bären als beste Darstellerin gewonnen.

Inzwischen sind Lelio und seine Frau aus der Gastronomie ausgestiegen – zu viel Arbeit mit einem neuen Film, einer neuen Galerie. Immer noch leben sie in Kreuzberg, kommen häufig zum Abendessen vorbei. Währenddessen expandiert das „Gloria“: Pallocchini will mit einem neuen Partner, ebenfalls aus Argentinien, einen Empanada-Imbiss aufmachen.

Was begeistert das Paar an Berlin? „Das Gefühl, fremd zu sein“, sagt Schweblin sofort, in ihrem sanften argentinischen Singsang. „Von außen auf Argentinien und Südamerika zu schauen, dieser Perspektivwechsel, das ist inspirierend.“ Südamerika sei ihr hier, fern der Heimat, sogar noch näher gekommen. Unschlagbar findet sie an Berlin aber auch die riesige Bibliothek des Ibero-Amerikanischen Instituts. „Und ich liebe natürlich Berlin selbst – diese Mischung aus Dorf und multikultureller Großstadt.“

Dass Schweblin im Ausland lebt, ist eine Seltenheit in der gegenwärtigen lateinamerikanischen Literatur. „In den 1960er-Jahren, während der Militärdiktaturen, spielte sich das kulturelle Leben vor allem im Exil in Europa ab. Heute bleiben die meisten jungen Künstler in der Heimat“, sagt sie. „Vielleicht deshalb ist die Szene vernetzter als früher. Wir Autoren lesen uns sehr viel gegenseitig, tauschen uns aus.“ Die Treffen mit anderen Schriftstellern in den Cafés von Buenos Aires fehlen ihr. „Schreiben ist eine einsame Tätigkeit, da ist so etwas wichtig.“

Von den umliegenden Tischen dringen immer lautere Gesprächsfetzen herüber. Im ersten Jahr setzte sich Schweblin noch mit ihrem Laptop zum Arbeiten ins „Gloria“. Es war noch nicht viel los, kaum jemand kannte sie. Heute schreibt sie lieber zu Hause und kommt oft zum Essen vorbei. Mittlerweile erkennen die Gäste sie. Nicht nur, weil sie häufig da ist. Gerade ist im Suhrkamp-Verlag ihr erster Roman auf Deutsch erschienen: „Das Gift“. Ein Berliner Werk mit Schauplatz Argentinien. ▪