Manufakturen des Geistes

Über Buchverlage mit Sinn für Qualität.

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Über Buchverlage mit Sinn für Qualität

Für Nachrufe auf das Buch ist es entschieden zu früh. Mögen auch „Kindle“, „Tolino“, Tablet-Reader und Smartphone am liebsten die Totenmesse für das nachhaltigste Medium des Abendlands singen und Internet-Gurus wie Sascha Lobo im Buch nur ein eher zufälliges Medium für das „Buchstabenverkaufen“ sehen – für Freunde schöner und hochwertiger Bücher ist Deutschland ein Schlaraffenland. Denn schaut man sich das notorisch totgesagte, von Pappe, Kleber, Leinen oder Leder zusammengehaltene Buchstabensammelsurium auf dem deutschen Buchmarkt näher an, entdeckt man eine ungeheure Vitalität, ja womöglich entsteht gegenwärtig infolge der wachsenden ökonomischen Bedeutung der elektronischen Lesemedien erst recht das Bewusstsein, wie eng die physische Erscheinungsform eines Textes mit seiner Wahrnehmung durch den Lesenden verknüpft ist. Es mag vielleicht gleichgültig sein, ob man „Shades of Grey“ im „Kindle“ oder „iPad“ liest, für eine sehr große Zahl von Texten ist der Aggregatzustand, in dem sie auf das Auge (und die Hand!) des Lesers treffen, ganz und gar nicht unwichtig. Auch 
einen guten Wein trinkt man vorzugsweise nicht aus dem Plastikbecher.

Die von Hans Magnus Enzensberger begründete Buchreihe „Die Andere Bibliothek“ ist so betrachtet ein Grand Cru in der deutschen Verlagswelt. Ihre wechselvolle Geschichte erzählt viel über die deutsche Buchkunst in den vergangenen Jahrzehnten. Als Franz Greno und Enzensberger 1984 damit begannen, jeden Monat ein individuell gestaltetes, im Bleisatz gedrucktes Buch 
herauszubringen, war dies vor allem ein Aufbegehren gegen Uniformität und gestalterische Lieblosigkeit. Der kostengünstige Computersatz, der in den 1970er-Jahren die traditionellen Techniken abgelöst hatte, bot zunächst wenige Möglichkeiten, typografisch, satztechnisch und gestalterisch eine konzeptionelle Einheit zwischen dem Buch und seinem Inhalt herzustellen. Die Erzeugnisse der Nördlinger Werkstatt bewiesen mustergültig die Überlegenheit der traditionellen Technik, und es entstanden zahllose Meisterwerke wie etwa Enzensbergers viel gerühmtes „Wasserzeichen der Poesie“ oder Christoph Ransmayrs Roman­epos „Die letzte Welt“, deren Erstdrucke unter Sammlern hoch begehrt sind.

Um die Jahrtausendwende zeigte Greno dann, wie man auch mit Digitaltechnologie leserfreundliche, typografisch begeisternde und immer auch haptisch überzeugende Bücher gestalten kann. Der Abschied vom Bleisatz änderte freilich nichts daran, dass nur wenige Titel der „Anderen Bibliothek“ sich ökonomisch trugen. Von den meisten Bänden wurden nur wenig mehr als 5000 Stück verkauft. Nach der Insolvenz des Eichborn-Verlags erscheint die „schönste Buchreihe der Welt“ („Die Zeit“) seit zwei Jahren im Berliner Aufbau-Verlag. Jedes Buch wird nun von einem anderen Buchkünstler gestaltet; der neue Herausgeber Christian Döring bleibt jedoch Enzensbergers Credo treu: „Wir drucken nur Bücher, die wir selber lesen möchten.“

Der Anspruch, intellektuelles und visuelles Vergnügen zu verbinden, unterscheidet die gestalterische, der Inhaltsvermittlung dienende Buchkunst vom sich selbst genügenden Buch-Kunstwerk. Für Alexandra Sender, Geschäftsführerin der „Stiftung Buchkunst“ in Frankfurt, ist die Beurteilung dieses Balanceakts Alltag. Die 1965 gegründete Stiftung hat die Aufgabe, die deutsche Buchproduktion kritisch zu begleiten. Dabei geht es zuvorderst um das Gebrauchsbuch. Im jährlichen Wettbewerb „Die schönsten deutschen Bücher – Vorbildlich in Gestaltung, Konzeption und Verarbeitung“ prämiert eine unabhängige Jury aus Herstellern, Designern, Buchfachleuten die vielfältigen ästhetischen wie funktionalen Ansprüche, die an Bücher gestellt werden, sowie die gelungene Verbindung von Inhalt und Form.

Natürlich begutachtet die Jury nur einen winzigen Ausschnitt des Buchmarkts. Von den rund 86 000 jährlichen Neuerscheinungen wurden 2013 etwas mehr als 700 Bücher von den Verlagen eingereicht. Dabei reicht das Spektrum von hochwertigen, experimentell gestalteten Kunstbänden über Romane und wissenschaftliche Fachpublikationen bis hin zum vorbildlich gestalteten Kinderbuch. Der Bewertungsbogen der Jury zeigt, dass ein Buch in der Tat ein kleines Gesamtkunstwerk ist: Angefangen bei der Papierqualität über das Klebematerial, Kanten, Falze, Buchschnitt geht es zur Lesbarkeit des Druckbilds. Es werden Satzspiegel und Umbruch auf störende „Schusterjungen“ und „Hurenkinder“ untersucht, Kontraste, Zeilenabstand und Schlüssigkeit der gewählten Typografie bewertet. Und nicht zuletzt die Anfass- und Leselust, die das Buch bei seinem Betrachter auslöst.

Natürlich kommt man mit diesen Büchern im Regelfall nicht auf die „Spiegel“-Bestsellerliste. Doch auch als „Spitzenleistungen an der Grenze zur Kunst“ sind sie keineswegs überzüchtete Orchideen für versponnene Buchfetischisten, sie dienen als „Ansporn für die Branche“ (Alexandra Sender) und sind ein viel beachteter Qualitätsmaßstab. Der Wettbewerb hat abseits der Großflächen-Sortimente, wo diese Bücher nur eine Nebenrolle spielen, eine immense Bedeutung für die Qualität der Bücher in Deutschland. Die prämierten Werke sind eine Art verborgener Motor, dessen Fehlen man womöglich erst bemerken würde, wenn auch die Qualität der Massenproduktion spürbar nachließe.

Wenn man die stupende Wertigkeit etwa der Hofmannsthal-Gesamtausgabe oder der Thomas-Mann-Werkausgabe bei S. Fischer betrachtet, wenn man den bei Prestel erschienenen Prachtband über die Rolling Stones mit Herzklopfen durchblättert, dann sieht man, dass selbstredend auch die Konzernverlage für sich in Anspruch nehmen, Manufakturen des Geistes zu sein, dies verbunden freilich mit der Hoffnung, durch Vertriebsstärke hohe Auflagen und damit sinkende Stückkosten zu erzeugen. Die Auflagen sind es, die das Geschäft zu einem Risiko machen. Internationale Koproduktionen wie bei Prestel oder dem immer wieder mit opulenten Großformaten begeisternden Taschen-Verlag ermöglichen es, Auflagenrisiken zu minimieren.

Häufig sind es indes mutige, kleine Verlage, die mit einem gerüttelt Maß an Idealismus für das schöne Buch kämpfen. So tritt der Göttinger Verleger Thedel von Wallmoden mit der neuen, von den Autoren selbst gestalteten Reihe „Ästhetik des Buches“ den Beweis an, dass Modernität, digitale Druckvorstufen und handwerkliche Meisterschaft keine Gegensätze sein müssen. Zwar erscheinen viele Werke im Wallstein Verlag auch als E-Book, doch der Verleger ist überzeugt: „Die Form des Buchs ist eine Ableitung von funktionalen Zusammenhängen. Vor allem in den Geisteswissenschaften ist das Buch Teil der Sache selbst.“

Auch der Mainzer Verleger Bertram Schmidt-Friderichs beweist, dass man eine hochwertige Buchmanufaktur auch fünfhundert Jahre nach der Gutenberg-Revolution profitabel führen kann. Sein Verlagsprogramm ist eine kreativ-überbordende Wundertüte, die staunen macht und Maßstäbe setzt. Schmidt-Friderichs und seine Frau Karin, die aktuell auch als Vorstandsvorsitzende der „Stiftung Buchkunst“ fungiert, sind die herausragenden Protagonisten im Kampf um ebenso schöne wie funktionelle Buchgestaltung.

Draußen im Industriegebiet, fern der pittoresken Mainzer Altstadt angesiedelt, setzt dieser Verlag wie zahlreiche andere zwischen Nordsee und Alpen das Werk dessen fort, der in der frühen Neuzeit mit seiner Erfindung Mainz zum Epizentrum der Buchdruckrevolution machte. Johannes Gensfleisch, genannt Gutenberg, kann zufrieden sein mit seinen Erben, die Vitalität des Buchs ist unübersehbar.