„Die deutsche Nazi-Vergangenheit geht immer“
Schwarzwald-Junge, Model, Stand-up-Comedian in den USA: Mario Adrion über seinen teils steinigen Weg nach oben – und ein gespaltenes Amerika.
Mario Adrion (32) kommt aus dem Schwarzwald, ging mit 18 als Model in die USA und ist dort heute ein erfolgreicher Comedian. Dabei zieht er vor allem seine deutsche Herkunft durch den Kakao. Zum Interview-Termin erscheint er – typisch deutsch – pünktlich auf die Minute. Auf seinen englischsprachigen Social-Media-Kanälen folgen ihm rund zwei Millionen Menschen. 2026 ist er auf Tournee in Nordamerika und Europa.
Mario, wann gab es die ersten Anzeichen dafür, dass du einmal auf der Bühne stehen würdest?
Ich bin in einem kleinen Ort im Schwarzwald aufgewachsen und hatte eine ganz normale Kindheit. Ich war zwar nie schüchtern, aber auch nie der Klassenclown. Nur einmal habe ich beim 50. Geburtstag meines Onkels den Moderator gespielt. Da hat sich das erste Mal angedeutet, dass ich vielleicht Talent fürs Showbiz haben könnte. Jedenfalls spürte ich früh, dass da noch mehr sein muss jenseits des Schwarzwaldes. Ich wollte etwas von der Welt sehen und viel erleben. Mit 15 habe ich dann einen einjährigen Schüleraustausch in Peru gemacht, da habe ich mich in hohem Tempo weiterentwickelt.
Wie bist du zum Modeln gekommen?
Nach dem Abitur habe ich in Berlin International Business studiert, dann ging es plötzlich los mit der Modelkarriere. Ich habe ein paar Fotos von mir auf Social Media hochgeladen, das haben durch Zufall die richtigen Leute gesehen – und dann war es wirklich wie in einem schlechtem Hollywoodfilm. Man hat mich nach New York zu Shootings eingeladen. Ich bin total naiv mit 500 Euro in der Tasche da hin und habe mich anfangs nur aus Dosen ernährt. Dann ging aber plötzlich alles sehr schnell, ich bekam viele Aufträge und reiste um die Welt – Singapur, Mailand, London, New York, das ganze Programm.
„Als Model stehst du auf der untersten Hierarchiestufe, du bist ein Produkt und hast zu funktionieren.“
Viele verbinden das Model-Leben mit Glamour. Du sprichst aber auch sehr offen über die Kehrseite.
Das war schon eine gute Zeit, aber diese Schein-Welt hat auch viele Nachteile, vor allem für die Models. Als Model stehst du auf der untersten Hierarchiestufe, du bist ein Produkt und hast zu funktionieren. Für manche bist du wirklich nur ein sexualisiertes Objekt. Das gilt paradoxerweise vor allem für männliche Models. Während sich für Frauen wegen der Me-too-Debatte einiges bewegt hat, haben die Männer eigentlich keine Lobby.
Du wolltest da raus?
Jedenfalls habe ich gemerkt, dass ich auf Dauer etwas anderes machen möchte. Ich habe angefangen, mit Freunden witzige Videos zu produzieren, das hat gut funktioniert. Aber ich wollte noch mehr. In einem Kurs für Stand-up Comedy hat mich das Feuer gepackt. Da wusste ich: Das ist es, was ich machen möchte!
Warum?
Es ist einfach ein unbeschreiblich tolles Gefühl, andere Menschen zum Lachen zu bringen – direkt, von Angesicht zu Angesicht.
Und dann bist du gleich als Comedian durchgestartet?
Nein, der Weg war erstmal steinig. In den USA gibt es an jeder Ecke Kneipen und Clubs, in denen man fast rund um die Uhr auftreten kann. Bei diesen Open Mics kriegt man kein Geld, man muss sogar dafür bezahlen. Und das Publikum besteht oft nur aus ein paar anderen Möchtegern-Comedians. Aber es hat funktioniert. Die Leute fanden mich lustig.
Ich spiele mit deutschen Klischees wie Pünktlichkeit und Ordnungsliebe. Ich spitze zu – teils auch drastisch.
Womit unterhältst du dein Publikum?
Anfangs habe ich hauptsächlich absurde Anekdoten aus meinem Model-Leben erzählt. Dann habe ich gemerkt, dass es sehr gut ankommt, wenn ich meine deutsche Herkunft thematisiere. Ich spiele mit deutschen Klischees wie Pünktlichkeit, Ordnungsliebe, Effizienz und so weiter. Ich spitze zu – teils auch drastisch.
Du gehst dabei auch an heikle Themen…
Klar! Die deutsche Nazi-Vergangenheit geht zum Beispiel immer. Es ist schon erstaunlich, wie wenig die meisten Amerikaner über andere Länder wie Deutschland wissen. Adolf Hitler kennt jeder, Friedrich Merz fast keiner.
Wie unterscheidet sich der deutsche vom amerikanischen Humor?
Die Amerikaner machen gern Witze, sind auch mal albern und lachen über Peinlichkeiten. Humor gehört stärker zum Alltag als in Deutschland. Die USA sind schon das große Land der Comedy, mit vielen großartigen Künstlern. Es gibt bestimmt auch gute Comedians in Deutschland. Aber da stecke ich nicht mehr so drin, dafür bin ich schon zu lange weg.
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Einverständniserklärung öffnenLebst du gern in den USA?
Ja, aber ich bin auch privilegiert. Man muss schon klar sagen: Amerika ist ein tolles Land, wenn du genug Geld hast. Ansonsten gibt es echt viele Probleme. Die aktuelle Entwicklung unter Trump finde ich sehr beunruhigend. Das ganze Land ist tief gespalten. Ich mache mich in meinen Shows über diese Spaltung lustig und werbe für Empathie. Aber man muss schon sehr aufpassen, in welchem Rahmen man politische Themen anspricht, damit keiner ausrastet. Eigentlich bin ich ein optimistischer Mensch, aber ich habe den Eindruck, wir befinden uns in den USA gerade in einer Eskalationsspirale.
Vermisst du Deutschland manchmal?
Ich komme jedes Jahr zu Besuch, manchmal mehrmals. Aber ja, im politischen Kontext vermisse ich Deutschland tatsächlich. Ich höre zwar von meiner Familie, dass sich auch dort die Fronten verhärten. Aber in Deutschland gibt es noch eine funktionierende Demokratie mit einem intakten Sozialsystem – das ist echt verdammt wichtig.