Blinde Flecken in der Stadt

Ein Projekt der Siemens-Stiftung belebt vom Verfall bedrohte Stadtviertel in Lateinamerika.

Klassische Stadthäuser mit farbigen Fassaden prägen das Stadtviertel Yungay in Santiago de Chile. Dazwischen: einstürzende Dächer, Bauzäune, Ruinen. Der traditionsreiche Stadtteil musste einiges einstecken, zuletzt durch das verheerende Erdbeben 2010. Im Jahr 1839 gegründet, gibt es in Yungay viel denkmalgeschützte Bausubstanz, die vom Verfall bedroht ist. „Wie erhalten wir solche Räume, wie nutzen wir sie?“, fragt Joachim Gerstmeier, Kurator bei der Siemens-Stiftung. Die Stiftung hat es sich zur Aufgabe gemacht, zur nachhaltigen gesellschaftlichen Entwicklung in Ländern Lateinamerikas, Afrikas und Europas beizutragen. Im Jahr 2014 rief sie die Projektreihe „Changing Places/Espacios Revelados“ ins Leben. Dabei interpretieren Künstler mit ihren Eingriffen den verlassenen urbanen Raum neu. Beim Start in Buenos Aires erregte etwa die Balloninstallation „Scattered Crowd“ von William Forsythe Aufsehen. Der zweite Teil der Serie entsteht derzeit in Santiago de Chile und wird im April 2016 vorgestellt.

Gespräche mit Anwohnern

„Die Leerstände und Brachen von Yungay sind wie blinde Flecken in der Stadt“, sagt Joachim Gerstmeier. „Sie machen neugierig und legen die Frage nach möglichen Umnutzungen nahe.“ Die physische Präsenz der leeren Häuser werde zum Ausgangspunkt für eine Debatte über den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Großstädten. Internationale Künstler beteiligen sich daran mit ihren Interventionen in 15 Gebäuden. Die Deutsche Eva Meyer-Keller ist eine von ihnen. Als Fotografin und Choreografin bewegt sich die Berlinerin an der Schnittstelle von darstellender und bildender Kunst. Auch Trinidad Piriz macht mit. Die Chilenin arbeitet mit Sprache und nutzt Worte und Klänge für ihre Tonkunst. „Die Idee meiner Arbeit in Yungay ist es, ein verlassenes Gebäude zum Sprechen zu bringen“, erklärt sie. „Über Interviews mit Anwohnern aus verschiedenen Generationen und mit unterschiedlicher Herkunft möchte ich eine Archäologie des Sounds erschaffen.“

Gemeinsam mit den Bewohnern hat Piriz die Situation des Viertels analysiert. Der gemeinsame Arbeitsprozess von Künstlern, Bewohnern und Behörden ist ein wesentlicher Teil des Projekts. Denn nicht nur Mauern werden brüchig – auch das soziale Gefüge kann Risse bekommen. Dafür gibt es viele Gründe. In Buenos Aires war es die Finanzkrise, in Santiago de Chile die bebende Erde. Gentrifizierung und Abwanderung können weitere prägende Faktoren sein. „Changing Places“ schafft Perspektiven, ohne in Aktivismus zu verfallen. Das Projekt bindet seine Arbeit eng an die Bewohner: Wie leben sie in ihrem Viertel, welche Stimmung herrscht? Wenn sie aus den üblichen Strukturen heraustreten – welche Möglichkeiten des Engagements und der Vernetzung entstehen? Gerstmeier ist überzeugt: „Die leeren Räume werden zu Orten des Austauschs über die Zukunft der Stadt.“ ▪