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Vorbild in der Corona-Pandemie

Cihan Çelik ist als Arzt aktuell besonders gefordert. Im Interview spricht er über die Corona-Pandemie und seinen beruflichen Weg.

Interview: Canan Topçu, 01.07.2020
Cihan Çelik: mit Fachinformationen aufklären
Cihan Çelik: mit Fachinformationen aufklären © privat

Herr Dr. Çelik, als Oberarzt am Klinikum Darmstadt leiten Sie die Isolierstation für Covid-19-Patienten. Was hat die Pandemie Sie gelehrt?
Ich habe gelernt, dass es gesellschaftlichen Zusammenhalt gibt, der aber gestärkt und verteidigt werden muss, dass es gut ist, sich in ungewissen und beängstigenden Zeiten an seriöser Wissenschaft zu orientieren und dass sich unser Gesundheitssystem trotz Mängeln und berechtigter Kritik bewährt hat. Mir persönlich, aber sicherlich auch der Gesellschaft, hat die Pandemie den Blick für das wirklich Wichtige geschärft.

Sie sind bereits von mehreren Medien interviewt worden. Wie kam es dazu?
Da ich in der Pneumologie, also in der Lungenheilkunde tätig bin, ist das mediale Interesse an meiner Arbeit durch die Corona-Pandemie gestiegen. Ein bisschen habe ich unbeabsichtigt aber auch selbst dazu beigetragen, nämlich durch einen Facebook-Eintrag im März.

Was haben Sie gepostet?
Am Anfang der Corona-Krise in Deutschland hatten die Menschen vor allem Angst und viele waren in Sorge, dass die Öffentlichkeit belogen wird. Mir ging es darum, mit Fachinformationen zur Aufklärung beizutragen. Also habe ich ganz sachlich informiert: über Präventionsmaßnahmen, Krankheitsverläufe und Abläufe in der Klinik. Dieser Facebook-Eintrag zog große Aufmerksamkeit auf sich, wurde häufig geteilt und so sind auch Journalisten auf mich aufmerksam geworden. Es folgten Anfragen von deutschen Medien, türkischen Medien und deutschsprachigen Medien, deren Zielgruppe die türkeistämmige Community ist.

Dass Sie türkeistämmig sind, wurde in deutschen Medien überhaupt nicht erwähnt.
Stimmt! In den Beiträgen deutscher Medien wurde nicht auf meine Herkunft hingewiesen. Das finde ich gut; ich will kein „Vorzeigemigrant“ sein. In türkischen Medien hingegen wurde immer auch betont, dass ich Sohn von Gastarbeitern aus der Türkei bin. Ich finde das in Ordnung, wenn anhand meiner Person auch eine Aufstiegsgeschichte erzählt wird. Dann enthält es eine Botschaft an die jungen Menschen aus der türkeistämmigen Community: Man kann in der deutschen Gesellschaft vorankommen und etwas aus sich machen!

Genau das kritisieren aber inzwischen viele junge Menschen mit sogenanntem Migrationshintergrund. Sie möchten nicht Vorbild aufgrund ihrer Herkunft sein.
Ach, ich sehe es ganz pragmatisch: Positive Geschichten, die in der Migranten-Community erzählt werden, finde ich okay. Ich hatte ja auch Vorbilder, Menschen, die mich angespornt haben. Wenn ich also andere motivieren kann, auch darin, sich als Teil der Gesellschaft in Deutschland zu sehen, dann ist es doch in Ordnung. Problematisch ist allerdings, wenn in gesellschaftlichen und politischen Debatten mit Blick auf die Bildung zwischen schlechten und guten Migranten unterschieden wird.

Apropos Bildung: War es Ihre eigene Entscheidung, Arzt zu werden? Oder sind Sie wie viele Kinder aus Gastarbeiterfamilien dem Wunsch Ihrer Eltern gefolgt?
Die Sehnsucht nach Bürgerlichkeit und der Wunsch, dass die Kinder einem angesehenen Beruf nachgehen: Das ist wohl eine Lebenserfahrung von vielen Migrantenfamilien, und so war es auch bei uns. In meine Berufswahl haben sich meine Eltern aber nicht eingemischt. Für mich war schon während der Oberstufenzeit klar, dass ich Arzt werden und Menschen helfen möchte. Es mag pathetisch klingen, aber es ist so: Dieser Beruf ist meine Berufung.

Wird diese Berufung auch mal strapaziert, etwa bei Patienten, die Sie ihre rassistischen Einstellungen spüren lassen?
Es gibt sicherlich Patienten mit Ressentiments. Sie scheinen sich aber zurückzuhalten. „Woher kommen Sie?“ – das fragen mich vor allem Patienten, die selbst auch aus der Türkei stammen. Ich habe bemerkt, dass mir diese Frage von Herkunftsdeutschen gar nicht mehr gestellt wird. Das führe ich auf die auch medial geführten Debatten über Integration und Akzeptanz zurück. Das heißt natürlich nicht, dass alle ihre Vorbehalte abgelegt haben. Für Rassisten könnte ein Klinikaufenthalt eine gute Therapie gegen Ressentiments sein, denke ich. Denn die Belegschaft eines Krankenhauses ist sehr international, sehr multikulti, und alle machen ihren Job. Es braucht allerdings sehr viel Idealismus, um mit den Realitäten eines ökonomisierten Gesundheitssystems umzugehen. Als ein politischer Mensch halte ich mich nicht zurück mit Kritik.

Worauf bezieht sich Ihre Kritik?
Gesundheit und sozioökonomische Faktoren hängen zusammen. Eine uralte Erkenntnis. Auch bei den Covid-19-Erkrankungen zeigt sich, dass Menschen aus sozial schwachen Schichten eher „arztfern“ sind und für sie die Hürden zum Gesundheitssystem höher sind. Sie kamen mit weitaus fortgeschrittenener Erkrankung in die Klinik. Wir haben das früh bemerkt, und mich treibt die Sorge um, dass dieses Virus in den nächsten Monaten zu einer hauptsächlich für arme Menschen gefährlichen Erkrankung wird. Ausbrüche in Wohnhäusern und unter Schlachthof-Mitarbeitern bekräftigen diese Sorgen. Unabhängig von Corona müssen wir mehr dafür tun, dass Barrieren zum Gesundheitssystem abgebaut werden und dass bildungsbenachteiligte und der deutschen Sprache nicht mächtige Menschen einen leichteren Zugang zu Angeboten des Gesundheitsschutzes haben.

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