Das Glücksrezept

Was macht uns eigentlich glücklich? Und hadern die Deutschen wirklich mit dem Glück? Antwort gibt eine simple Formel.

Die Deutschen und das Glück
dpa

Möchte man den Glückszustand einer Nation bemessen, geht es nicht um flüchtige euphorische Zustände, etwa beim Gewinn einer Fußball-Weltmeisterschaft. Stattdessen zählt, wie zufrieden die Menschen mit dem Leben sind, das sie führen.

Genau das interessiert Jan Delhey, Glücksforscher und Professor für Soziologie an der Otto-von-Guericke-Universität in Magdeburg. Anhand seiner Forschung hat er eine Formel entwickelt, auf der das individuelle Glück beruht: Haben + Lieben + Sein = Glück.

Unter "Haben" versteht Delhey das Materielle, etwa das Einkommen oder den Wohlstand. In die Kategorie "Lieben" fallen sämtliche sozialen Beziehungen wie zur Familie oder Freunde. Zum "Sein" gehört, ob jemand in seinem Leben einen Sinn sieht, das Leben aktiv gestaltet und welches Feedback er dafür von seiner Umgebung bekommt.

Zusammen ergeben die drei Bereiche das persönliche Zufriedenheitslevel. Wie stark die einzelnen Säulen ausgeprägt sind, hängt laut Delhey von individuellen Präferenzen ab. Aber es dürfe kein Pfeiler wegbrechen: "Ein Millionär, der einsam ist, wird keine zehn auf der Lebenszufriedenheitsskala ankreuzen. Und umgekehrt: Wer am Existenzminimum kratzt, kann familiär so aufgestellt sein, wie er will. Auch dann ist es unwahrscheinlich, dass diese Person eine neun oder zehn ankreuzt."

Kulturelle Wurzeln und der Ort, an dem man lebt, prägen das Glücksrezept. Delheys Glücksformel kann man zwar universell anwenden, muss aber unterschiedliche Gewichtungen beachten. "In asiatischen Boom-Gesellschaften, insbesondere China, wird Glücklichsein nahezu gleichgesetzt mit Erfolgreichsein und viel Geld zu verdienen." Westlich geprägte Staaten schätzt der Soziologe im Vergleich als "relativ post-materialistisch" ein - die Pfeiler "Lieben" und "Sein" haben an Bedeutung gewonnen.

Dass wirtschaftliches Wachstum nicht alles ist, hat das Königreich Bhutan im Himalaya schon vor einer Weile erkannt. Seit 2008 ist das "Bruttonationalglück" in der Verfassung verankert. Ziel ist es, eine gerechte, gleichberechtigte und harmonische Gesellschaft zu erreichen. Dafür gibt es auch ein Glücksministerium. Um das Bruttonationalglück zu messen, werden neun Bereiche erfasst: Lebensstandard, Gesundheit, psychisches Wohlergehen, Bildung, Zeiteinteilung, gute Regierungsführung, Gemeinschaftsgefühl, ökologische und kulturelle Vielfalt.

In der Politik angekommen

Bhutan gilt als Initiator des Internationalen Tags des Glücks, der 2012 als Welttag beschlossen wurde. Die Vereinten Nationen erkennen mit dem Tag an, dass das Streben nach Glück ein grundlegendes menschliches Ziel ist - und bitten ihre Mitgliedsstaaten die nationale Politik davon leiten zu lassen.

Der Soziologe Delhey findet es "bereichernd", dass die Politik inzwischen berücksichtigt, dass wirtschaftliche Daten nicht alleine den Zustand einer Gesellschaft widerspiegeln. "Zu lange hat man gesagt, in einer reichen Gesellschaft ist das Leben notwendigerweise gut. Gerade die USA zeigen uns, dass das nicht der Fall ist. Sie zählen zu den reichsten Nationen, aber haben eine unglaubliche Last an sozialen Problemen."

Skandinavien top!

Die Spitzen der jährlichen Rankings im World Happiness Report der Vereinten Nationen belegen regelmäßig skandinavische Staaten. 2018 kam Deutschland auf Rang 15 von 156 und verbesserte sich damit im Vergleich zu den beiden Vorjahren um einen Platz. Im europäischen Vergleich liegt Deutschland am unteren Ende des oberen Drittels.

Dass es die Bundesrepublik nicht in die Top-Positionen schafft, liege keineswegs daran, dass die Deutschen "so miesepetrig oder unzufrieden" seien, wie ihnen gerne nachgesagt wird, sagt der Soziologe Delhey. Denn nicht nur persönliche Lebensumstände und Einstellungen wirkten sich auf die Zufriedenheit aus, sondern auch die gesellschaftlichen Bedingungen. Dazu zählen unter anderem das Wohlstandsniveau, der soziale Zusammenhalt, die Gleichstellung in der Gesellschaft oder die Qualität der Regierungsführung. In all diesen Punkten steht Deutschland nach Delheys Einschätzung gut da, "aber es gibt noch ein paar Gesellschaften, die noch ein bisschen besser abschneiden".

Innerhalb von Deutschland zeigen sich die Menschen über die Jahre immer zufriedener mit ihrem Leben. "Interessanterweise sind wir auf einem langjährigen Hoch angekommen - trotz dieser ganzen Debatten über so viel Unzufriedenheit und Ängste", sagt Delhey. Eine mögliche Erklärung für diese augenscheinlich paradoxe Entwicklung liegt in den Zahlen zur Erwerbstätigkeit: "Arbeitslos zu sein, reduziert die Lebenszufriedenheit wirklich massiv. zum Glück haben wir seit Jahren eine sinkende Arbeitslosigkeit." Für Unmut sorge in Deutschland dagegen eher die Politik - wie sie bestimmte Dinge handhabe.

30 Jahre nach dem Mauerfall nähern sich Ost- und Westdeutschland im Bereich Zufriedenheit immer mehr an. "Die Lücke war noch nie so klein, wie sie jetzt ist", sagt Delhey. "Das ist schon interessant, weil die öffentliche Debatte zurzeit eigentlich in die andere Richtung geht. Es wird immer davon ausgegangen, dass der Osten noch viel unzufriedener sei als der Westen."

Dass der Unterschied zwischen den alten und neuen Bundesländern nur noch gering ist, belegen die Zahlen des Glücksatlas, der jährlich von der Deutschen Post erstellt wird. Im Westen gaben die Befragten 2018 ihrer Lebenszufriedenheit auf einer Skala von 0 bis 10 (10 entspricht der höchsten Zufriedenheit) durchschnittlich eine 7,09. Im Osten war der Wert um 0,2 niedriger.

Zur Zufriedenheit der Deutschen - und auch über die Landesgrenzen hinaus - möchte Ernst Fritz-Schubert beitragen: mit einem Unterrichtsfach "Glück". 2009 gründete er ein Institut, an dem er Lehrer dafür aus- und weiterbildet. Nach Fritz-Schuberts Auffassung könne jeder dem Glück selbst auf die Sprünge helfen.

In dem Fach geht es um Themen wie Lebenskompetenz, Lebensfreude und Persönlichkeitsentwicklung, die zu einem "gelingenden Leben" beitragen sollen. Der Erfolg ist mittlerweile wissenschaftlich belegt. Eine Untersuchung der Universität Mannheim mit Schülern mit und ohne Glücksunterricht ergab, dass das Schulfach Glück einen positiven Effekt auf das subjektive Wohlbefinden der Schüler hatte.