Eine Rechenaufgabe war der Durchbruch

Schon ein Jahr nach seiner Flucht aus Syrien spricht Wael Amayri deutsch und studiert. Im Interview erzählt er, wie er das geschafft hat.

Plambeck/BMAS - Wael Amayri

Bis vor zwei Jahren studierte Wael Amayri, ein junger Palästinenser, der in Syrien aufwuchs, Informationstechnologie in Damaskus. Im Oktober 2015 entschied er, Syrien zu verlassen; weil er kein Visum erhielt. Er schloss sich einem Freund und dessen Familie an. Nach wenigen Wochen erreichte die kleine Gruppe Deutschland. Nun lebt der staatenlose junge Mann mit syrischem Reisedokument in Berlin. Zu seiner Familie, die in Damaskus bei Bekannten untergekommen ist, weil ihre eigene Wohnung zerstört ist, hält der 22-Jährige via WhatsApp Kontakt.

Herr Amayri, nach nur 16 Monaten in Deutschland sprechen Sie Deutsch, als wären Sie seit Jahren hier. Wie haben Sie das geschafft?

Schon in Damaskus habe ich mir ein Sprachtandem gesucht, um über das Internet ein bisschen zu üben. So hatte ich es vorher schon mit Englisch gemacht. Als ich in Deutschland ankam, konnte ich trotzdem nicht viel. Aber ich habe sofort angefangen zu lernen. Und ich hatte eine sehr gute Lehrerin.

Wo?

Im Rahmen des Programms Welcome@FUBerlin an der Freien Universität Berlin. Dort studiert meine Sprachtandem-Partnerin. Noch unterwegs, irgendwo in Serbien, erhielt ich eine WhatsApp-Nachricht von ihr: In Berlin gibt es Kurse für Flüchtlinge! Als der Kurs startete, war ich noch gar nicht da. Ein paar Tage später kam ich an und hatte Glück. Ich konnte noch einsteigen.

Wo haben Sie zu dieser Zeit gewohnt?

Einige Tage in einer Turnhalle, in einer Erstaufnahmestelle. Dort war es sehr laut, es sind sehr viele Familien da, Kinder toben und schreien. Lernen ist unmöglich. Außerdem war ich einsam. Der Freund, mit dem ich gekommen war, wurde in eine andere Stadt verlegt. Es gab keine Waschmaschine, die Duschen waren nicht sauber. Dann habe ich auf Facebook gepostet, dass ich gern meine Sachen waschen und mich duschen würde.

Was hat der Facebook-Post ausgelöst?

Mir wurden immer wieder Zimmer angeboten. Erst habe ich bei einem deutsch-britischen Paar gewohnt. Noch heute habe ich zu ihnen Kontakt, sogar zu Weihnachten haben sie mich zu ihrer Familie eingeladen. Später zog ich zu einem Ingenieur, der mir sehr dabei geholfen hat, Deutsch zu lernen. Heute lebe ich in einer Dreier-WG im Süden Berlins. Es ist sehr grün, das mag ich. Es gibt einen Fluss, an dem ich oft spaziere, und einen See in der Nähe. In Damaskus habe ich mir immer gewünscht, in der Natur zu leben.

Nach weniger als einem Jahr wurden Sie Regelstudent. Sind Sie der einzige?

Nein. Eine Sprachkurs-Kommilitonin studiert mit mir Informatik, ein anderer Ethik und Englische Literatur. Aber es sind nicht viele – und ich muss auch sagen: Die offizielle Sprachprüfung für deutsche Hochschulen (DSH) ist sehr schwer. Weil ich beim ersten Versuch nicht auf das notwendige Level gekommen bin, wurde ich erst befristet aufgenommen. Inzwischen habe ich bestanden.

Und wie läuft es in den Seminaren? Dort sind die meisten doch deutsche Muttersprachler.

Ja, das stimmt. Am Anfang habe ich mich kaum getraut, etwas zu sagen. Aber dann bekamen wir eine sehr schwere Rechenaufgabe. Ich habe fast eine Stunde gebraucht, um sie zu lösen. Dann hatte ich es. Also war ich mutig und bin an die Tafel gegangen – und alle fanden es super. Seitdem will ich immer wieder vorrechnen. Das passt auch zu meinem Berufswunsch: Ich wollte immer Uni-Dozent werden. Nun hoffe ich, dass es schnell geht: Wenn ich im Sommer Extrakurse besuche, schaffe ich den Bachelor vielleicht sogar in weniger als drei Jahren.

Heimweh haben Sie nicht?

Kaum. Natürlich vermisse ich meine Familie sehr. Aber ich vermisse nicht das Unsicherheitsgefühl, die Strom- und Internetausfälle, und im Winter keine Heizung zu haben. Und ich habe auch hier eine Heimat. Ich habe Freunde kennengelernt, die mich wie einen Teil der Familie sehen. Ich bin nicht einsam und traurig. Nun hoffe ich, dass ich bleiben kann. Zurzeit habe ich subsidiären Schutz, befristet für ein Jahr. Ich bin sehr froh, dass ich trotzdem Bafög bekomme. Aber bis jetzt haben mir so viele Menschen geholfen, dass ich optimistisch bin. Es ist ganz anders als in Syrien: Dort hatte ich nicht das Gefühl, so ein Glückskind zu sein.

Interview: Jeannette Goddar

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