Verleger, Netzwerker und noch viel mehr

Haitao Xiu lebt seit fast 30 Jahren in Deutschland, seit fast 20 Jahren gibt er die „Chinesische Handelszeitung“ heraus. Jetzt reist er mal wieder nach China.

Haitao Xiu hat einen vollen Terminkalender. Eben hat er die chinesische Delegation aus Qingdao verabschiedet, da steht bereits das Treffen mit dem Verein chinesischer Gastronomen an. In seiner Redaktion in Frankfurt am Main wartet die nächste Ausgabe der „Chinesischen Handelszeitung“ auf die Fertigstellung – und am Abend dann erst einmal die Hochzeitsfeier mit 300 chinesischen Gästen.

Keine Frage: Xiu ist ein Netzwerker. „Wahrscheinlich kenne ich die meisten der 200.000 Chinesen, die in Deutschland leben“, sagt der 59-Jährige und lacht. Xiu ist Herausgeber und Chefredakteur der „Chinesischen Handelszeitung“, hat jahrzehntelang akademisch, dann politisch und wirtschaftlich gewirkt. In der ersten Hälfte seines Lebens in China, in der zweiten dann in Deutschland.

Xiu kennt beide Länder, spricht beide Sprachen fließend. „Meine Mutter lebt noch in meiner Heimat Qingdao, meine beiden Töchter sind in Deutschland geboren“, erzählt er. Das prädestiniert ihn zum Mittler zwischen den Kulturen.

Sein Ziel, Brücken zwischen Deutschland und China zu bauen, verfolgt er vor allem mit Worten: Insgesamt sieben Bücher hat Xiu veröffentlicht. „Ni hao Europa“ heißt eines davon, die Kapitel tragen Titel wie „Chinesische Küche und Wein vom Rhein“. „Es gibt etwa 200 Vereine in Deutschland, die sich mit verschiedenen Aspekten zu Kultur, Geschichte oder Wirken Chinas befassen“, erklärt der Verleger. „Unter ihnen herrscht aber kaum Kommunikation.“ Er will das ändern: In den Übersichtswerken, die zweisprachig gedruckt sind, erfahren in Deutschland lebende Chinesen und interessierte Deutsche, welche Institution wo tätig ist.

Eine ganz feste Verbindung zwischen den Ländern hat Xiu bereits vor fast 20 Jahren etabliert: 1997 gründete er die „Chinesische Handelszeitung“ – eine politisch neutrale, zweiwöchig erscheinende Zeitung. Heute ist die Zeitung, die sich aus Anzeigen finanziert, eine feste Größe für die im deutschsprachigen Raum lebenden Chinesen und aus China kommenden Geschäftsleute: Sie erscheint mit einer Auflage von 20.000 Exemplaren, wird an Flughäfen und Bahnhöfen verkauft und in der chinesischen Community kostenlos vertrieben.

Doch nicht nur die bestehende Community ist Xius Zielgruppe. Etwa eine Million chinesische Touristen kommen jedes Jahr nach Deutschland, darüber hinaus ist das Land im Herzen Europas auch für Geschäftsleute interessant. „Das wirtschaftliche Interesse ist groß“, weiß Xiu. „Viele wollen wissen, wie man hier eine Firma gründet oder Gebäude kaufen kann.“

Gut vorbereitet seien jedoch nicht alle Unternehmer und Manager, beobachtet der Verleger. Während sich deutsche Firmen vor dem Geschäft mit China informieren, fehle vielen Chinesen das Wissen, wie Geschäfte in Deutschland gemacht werden. „Ohne Vorbereitung kann es aber sein, dass das Geschäft platzt“, sagt Xiu. Seiner Erfahrung nach gehe nur etwa jeder zweite Deal gut, zu oft kämen interkulturelle Missverständnisse in den Weg.

Seine eigene Verbindung zu Deutschland reicht bis ins Jahr 1984 zurück. Willy Brandt, der damalige Vorsitzende der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) und frühere Bundeskanzler Deutschlands, ist damals nach Peking geflogen, um Gespräche mit der Kommunistischen Partei aufzunehmen. In den Gesprächen, die politische und wirtschaftliche Reformen zum Ziel hatten, kam man auf die Idee, einige junge Dozenten aus Peking nach Deutschland zu bringen. Einer von ihnen war Xiu.

Mit Hilfe der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung trat er die Reise an. Nach dem Deutschkurs am Goethe-Institut und Uni-Stationen in Mannheim, Freiburg und Münster wollte er eigentlich „nach vier, fünf Jahren zurück in die Heimat“, erzählt Xiu lächelnd von seinem ursprünglichen Plan.

Die Heimat übrigens ist es, die Xiu die Verbindung zu Deutschland in die Wiege gelegt hat: In Qingdao, das von 1897 bis 1914 deutsche Kolonie war, ist die Brücke zwischen den Kulturen noch heute zu spüren. Xiu besucht seine Heimatstadt ein bis zwei Mal im Jahr. Doch auch dort wartet ein Termin nach dem anderen: Noch in diesem Jahr steht ein Treffen zum 35-jährigen Universitätsabschluss an, bei dem Xiu viele Kommilitonen wiedersieht, die einst mit ihm in Deutschland waren. Gemeinsam sollen sie daran mitwirken, wie die Altstadt Qingdaos wiederbelebt werden könnte – dank Xiu womöglich erneut mit ein wenig Hilfe aus Deutschland. ▪