Diskussion um #MeTwo

Unter dem Hashtag hat der Aktivist Ali Can eine Integrationsdiskussion angestoßen. Die Autorin Canan Topçu blickt auf die Debatte in Deutschland.

Ali Can engagiert sich gegen Rassismus und Diskriminierung.
Ali Can engagiert sich gegen Rassismus und Diskriminierung. dpa

Es war ein Experiment, das Ali Can am 24. Juli 2018 mit #MeTwo startete. Der Hashtag soll auf die doppelte Identität von Migranten hinweisen und ein Forum für ihre Erfahrungen mit Rassismus in Deutschland bieten, erklärte der Sozialaktivist. Zusammen mit dem Online-Magazin „Perspective Daily“ rief er dazu auf, unter #MeTwo über Diskriminierung zu twittern und persönliche Erlebnisse zu schildern. Menschen, die eine Migrationsbiografie haben oder wegen ihres Äußeren oder Namens als Fremde wahrgenommen werden, ergreifen seitdem unter dem Hashtag das Wort.

Can, Sohn einer kurdisch-alevitischen Familie, die aufgrund von Diskriminierungen in der Türkei nach Deutschland flüchtete, wollte mit #MeTwo den Fokus auf Alltagsrassismus richten. Seinem Appell folgten schon innerhalb kurzer Zeit tausende Menschen und twitterten über ihre Erfahrungen. Der Auslöser für Cans Aktion war, dass der türkeistämmige Fußballspieler Mesut Özil im Sommer 2018 seinen Rücktritt aus der deutschen Nationalmannschaft bekannt gegeben und dies auch mit einem Gefühl von Rassismus ihm gegenüber begründet hatte.

Starke Zivilgesellschaft

Auf die zahlreichen Berichte von Menschen mit Migrationshintergrund über erfahrene und gefühlte Kränkungen und Frustrationen gab es unterschiedlichste Reaktionen. Die einen loben Cans Initiative als einen wichtigen politischen Akt und finden es gut, dass so viele ihre Erfahrung von Ausgrenzung und Rassismus im Alltag mitteilen. Der Perspektivwechsel sei dringend notwendig gewesen, um der Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten. Andere hingegen kritisieren, dass viele, die mit dem Hashtag #MeTwo ihre Erlebnisse schildern, nicht differenzieren. Nicht jede Frage nach der Herkunft und jedes Lob für gute Deutschkenntnisse seien rassistisch und ausgrenzend.

Der Hashtag enthält auch ein „Entzweiungspotenzial“, denn die Schilderungen von Alltagserlebnissen reproduzieren die Trennung zwischen „wir“ und „ihr“ in konzentrierter Form. Viele „Herkunftsdeutsche“ fühlen sich zu Unrecht als rassistisch eingestuft. Das ist nicht hilfreich in einer Debatte über die Frage, wie das Zusammenleben in einer immer vielfältiger werdenden Gesellschaft gestaltet werden kann. Es gibt in Deutschland eine starke Zivilgesellschaft, die sich der Probleme bewusst ist und sich auf vielfältige Weise für einen rassismuskritischen und vorurteilsbewussten Umgang untereinander einsetzt.

Debatte um Diskriminierung

Sicher, es ist längst nicht alles perfekt in Deutschland. Die Stimmen der Rechtspopulisten, die von „Umvolkung“ schwadronieren und mit Hetze, Provokation und Tabu-Brüchen Stimmung gegen vermeintlich Fremde machen, sind lauter geworden. Ausländerfeindliche Kundgebungen nach dem Mord an einem jungen Deutschen im sächsischen Chemnitz sorgen seit Ende August 2018 für Entsetzen. Und für Widerspruch: In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat sich auf politischer und gesellschaftlicher Ebene in Deutschland sehr vieles zum Positiven entwickelt. Es gibt eine ernsthaft geführte Debatte um Rassismus und Diskriminierung und die Frage nach dem angemessenen und wirkungsmächtigen Umgang mit Feinden der offenen Gesellschaft.

Das verdeutlichen auch die Reaktionen von hochrangigen Politikern auf den Hashtag #MeTwo. Bundesaußenminister Heiko Maas reagierte unmittelbar nach dem Start der Aktion auf Twitter und mahnte Sensibilität in Sprache und Umgang an. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier wiederum ging auf seinem ersten Termin nach der politischen Sommerpause auf #MeTwo ein. Steinmeier lud deutsch-türkische Nachbarn ins Schloss Bellevue zu einer Kaffeerunde ein und erklärte, dass die Schilderungen ihn nicht losließen und sie auch „uns als Gesellschaft nicht kalt lassen” dürften. Es sei beschämend, wenn Nachkommen von Einwanderern, von denen viele in Deutschland geboren seien, unter dem Hashtag #MeTwo von Diskriminierung oder Rassismus im Alltag berichteten und sich von der deutschen Gesellschaft ausgegrenzt fühlten. Der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil lud Ali Can zu einem Austausch ein.

Handlungsanweisungen für die Politik

Eine Auswertung der #MeTwo-Tweets ergab, dass sehr viele über ihre Erlebnisse in der Schulzeit berichteten, davon etwa, dass sie von Lehrkräften entmutigt wurden und keine Empfehlung fürs Gymnasium erhielten. Diese Berichte korrespondieren mit einer unlängst veröffentlichten Studie von Bildungswissenschaftlern: Grundschüler mit türkischen Namen erhalten trotz gleicher Leistung schlechtere Noten. Aus diesen Befunden lassen sich Handlungsanweisungen für die Politik formulieren: nämlich dafür zu sorgen, dass die rassismuskritische und vorurteilsbewusste Selbstreflexion zum festen Bestandteil der Lehrerausbildung wird.

Die Debatte um den Hashtag #MeTwo macht noch etwas deutlich: Wir sind viel weiter in puncto Teilhabe, als die Schilderungen von Ausgrenzung auf den ersten Blick vermuten lassen. Die Hauptabsender der Tweets sind in Deutschland etablierte Migranten mit hohem gesellschaftlichen Prestige. Dass die am besten integrierten Zuwanderer, gebildet und beruflich erfolgreich, am stärksten über Diskriminierung klagen, benennt die Wissenschaft mit dem Begriff „Integrationsparadoxon“. Gerade die, die Werte Deutschlands wie das Recht auf Gleichbehandlung, Gerechtigkeit und Teilhabe verinnerlicht haben, reagieren auf Verletzungen besonders sensibel und behalten diese nicht für sich. Dass sie damit Gehör finden, ist ein gutes Zeichen für den Stand der Integration in Deutschland.

Canan Topçu
Die Journalistin, Dozentin und Moderatorin Canan Topçu ist spezialisiert auf die Themen Integration, Migration, Medien, Islam und muslimisches Leben in Deutschland. Die gebürtige Türkin lebt seit ihrem achten Lebensjahr in Deutschland. Sie ist Mitbegründerin der Neuen Deutschen Medienmacher und engagiert sich unter anderem im Stiftungsrat der Stiftung Schwarz-Rot-Bunt.

Foto: Abdul-Ahmad Rashid