Der hessisch-iranische Kandidat

Omid Nouripour kandidiert für den Parteivorsitz der „Grünen“. Wer ist der Politiker, der 1991 mit seinen Eltern aus Iran nach Frankfurt am Main floh? 

Omid Nouripour im Bundestag
Omid Nouripour im Bundestag Grüne im Bundestag, S. Kaminski

„Liebe Freundinnen und Freunde, ich habe mich nun offiziell für den schönsten Job der Welt beworben“, verkündet Omid Nouripour auf seiner Website und meint damit die Kandidatur für den Vorsitz der Partei der „Grünen“. Die Wahl soll Ende Januar 2022 auf dem Parteitag stattfinden. Sie ist notwendig geworden, weil die derzeitigen Vorsitzenden Annalena Baerbock und Robert Habeck im Herbst 2021 in den Bundestag gewählt wurden und nun Außenministerin und Wirtschaftsminister sind. Nach den Regeln der Parteisatzung müssen sie dann ihre Parteiämter abgeben.

Nouripour (li.) fotografiert Bundeskanzler Scholz mit Cem Özdemir
Nouripour (li.) fotografiert Bundeskanzler Scholz mit Cem Özdemir Grüne im Bundestag, S. Kaminski

Der gebürtige Iraner Omid Nouripoor, der bei der Bundestagswahl 2021 in seinem Wohnort Frankfurt am Main ein Direktmandat gewann, sagte im deutschen Fernsehen: „Diese Stadt und diese Partei haben mir alles gegeben, was ich jetzt bin und wofür ich nicht ausreichend dankbar sein kann. Wenn ich in dieser Situation als Parteivorsitzender ein Stückchen zurückgeben dürfte, wäre es mir eine große Freude.“

Flucht aus dem Gottesstaat

Omid Nouripour wurde am 18. Juni 1978 in Teheran geboren. Als er 13 Jahre alt war, sahen seine Eltern keine Perspektive mehr, weil Iran sich immer mehr zu einem islamischen Gottesstaat entwickelte. Sie flohen nach Frankfurt am Main. Omid besuchte das Gymnasium, macht 1996 Abitur und begann in Mainz zu studieren: Deutsche Philologie, Politikwissenschaft, Philosophie und Rechtswissenschaft. In derselben Zeit erwachte sein politisches Interesse. 1996 ging er zu den „Grünen“, weil die ihn nicht – wie eine andere Partei – nach seiner Herkunft gefragt haben. „Das beeindruckte mich, also blieb ich.“

Nouripour bei einer Kundgebung in seiner Heimatstadt Frankfurt
Nouripour bei einer Kundgebung in seiner Heimatstadt Frankfurt Grüne im Bundestag, S. Kaminski

Einstieg in die große Politik

Die Kandidatur des CDU-Politikers Roland Koch zum Hessischen Ministerpräsidenten 1999 brachte eine entscheidende Wende in das Leben Nouripours. Weil Koch eine Kampagne gegen die doppelte Staatsangehörigkeit lostrat, ließ Nouripour sein Studium sausen, fuhr über Land und machte Wahlkampf. Roland Koch gewann die Wahl – und Nouripour wurde Vorsitzender der Grünen Jugend Hessen. Das war der Einstieg in die große Politik. 2002 wurde er in den Bundesvorstand der „Grünen“ gewählt. 2006 zog er als Nachrücker für die Partei-Ikone Joschka Fischer in den Bundestag ein. Seit 2013 vertritt er die Fraktion als außenpolitischer Sprecher.

Erfahrungen mit Deutschland

Sein Pass habe ihn zur Politik gebracht, hat Nouripour einmal gesagt. Oder besser: Seine  Eingliederungserfahrungen in einem Deutschland, das sich zu der Zeit zumindest noch nicht als Einwanderungsland sah. Denn es war ein langer Weg, bis er 2002 den deutschen Pass erhielt. Seitdem hält er die doppelte Staatsbürgerschaft. Rückblickend sagt er: „Diese ganze Rhetorik über das Scheitern von Integration ist eine Ohrfeige für diese unglaubliche gesamtgesellschaftliche Leistung.“

Nouripour 2010 mit einem deutschen Soldaten in Afghanistan
Nouripour 2010 mit einem deutschen Soldaten in Afghanistan Grüne im Bundestag, S. Kaminski

Standpunkte zu den großen Themen

Nouripour vertritt dezidierte Standpunkte zu Integration, Klima („Atomkraft ist nicht nachhaltig“) und in der Außenpolitik („Falls Russland angreift, sind alle Optionen auf dem Tisch“), bringt sie aber gerne mit seiner hessisch-iranischen Lässigkeit rüber und hat einen Blick für das Machbare. Im Selbstverständnis der „Grünen“ zählt er zu den „Realos“, also den Vertretern der sogenannten realpolitischen Positionen. Seine einzige Mitbewerberin für den Parteivorsitz, Ricarda Lang, wird dem linken Flügel zugerechnet.

Ziele für die Parteiführung

In seinem „Bewerbungsschreiben“ sieht er seine vorrangige Aufgabe so: „Die Interessen der Partei in die Regierung zu tragen, aber auch das Regierungshandeln vermitteln.“ Darüber hinaus will er das Parteiprofil schärfen, die Parteistrukturen den rasant wachsenden Mitgliederzahlen anpassen, die relativ jungen Partei weiter öffnen und die Frage beantworten, warum zwar schon viele Menschen nachhaltiger leben, ihr Kreuz bei Wahlen aber immer noch nicht bei den Grünen machen. Mit seiner gewinnenden Art – sein Motto lautet mit Anspielung auf den Frankfurter Fußballverein Eintracht Frankfurt „Für Frieden und Eintracht international“ – könnte ihm das gelingen.

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