Regionales_E6_Läufer Äthiopien_03042017

Gut gelaufen

Irgendwann zu den Olympischen Spielen – davon träumen die äthiopischen Lauftalente Betelehem und Gadisa. Ihrem Traum sind sie in Berlin ein Stück näher gekommen: In ihrer Altersklasse haben sie den Halbmarathon gewonnen.
von Torsten Haselbauer

Am letzten Abend dieser aufregenden vier Tage in Berlin sind Betelehem Zerihun Amesa und Gadisa Zawude Legese ziemlich früh schlafen gegangen. Die beiden äthiopischen Nachwuchsläufer durften an der „Runners Party“ nämlich nicht teilnehmen, Eintritt erst ab 18 Jahre. Dabei hätten sich die gerade erst 16 Jahre alten Athleten dort kräftig feiern lassen können. Schließlich haben sie an diesem Sonntag den Berliner Halbmarathon gewonnen. Zumindest in ihrer Altersklasse „Unter 18 Jahre“. Betelehem Zerihun Amesa lief die 21,0975 Kilometer lange Strecke quer durch die deutsche Hauptstadt in einer Stunde, 28 Minuten und 32 Sekunden. Und Gadisa Zawude Legese überquerte nach gut einer Stunde und 11 Minuten die Ziellinie auf der Karl-Marx-Allee im Osten Berlins. „Ich bin stolz und zufrieden“, sagt nach dem Rennen bemerkenswert abgeklärt die Läuferin Amesa. „Es hätte noch besser laufen können“, findet indes ein wenig selbstkritisch Legese. „Ich habe die Stationen mit der Wasserverpflegung übersehen und bin deshalb immer weiter zurückgefallen“, liefert der Nachwuchsläufer aus Äthiopien noch eine Erklärung für seinen 57. Rang im Gesamtfeld nach. Enttäuscht ist er trotzdem nicht.

© Jalale G. Birru

Ticket nach Berlin

Sichtlich erschöpft, kurz nach dem kräftezehrenden Rennen, suchen die beiden jungen Sportler noch immer nach Worten für eines ihrer bisher größten Abenteuer. Es begann vor knapp zwei Jahren, am 3. Oktober 2015. An diesem Tag der Deutschen Einheit, dem deutschen Nationalfeiertag, organisierte die Deutsche Botschaft in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba den „German Unity Run“. Rund 3.000 junge Äthiopier nahmen an diesem Lauf über vier Kilometer teil. Der Siegerin und dem Sieger wurde ein Platz beim Berliner Halbmarathon zugesagt. Auch Amesa und Legese gingen damals an den Start. Ihre Trainer hatten sie dafür angemeldet. „Wir wussten eigentlich gar nicht, was uns da erwartet. Und am Ende haben wir gewonnen“, erinnert sich Legese an diesen denkwürdigen Lauf. Die Schirmherren dieses Vereinigungsrennens in der Höhenluft der äthiopischen Hauptstadt waren der deutsche Botschafter Joachim Schmidt und die äthiopische Lauflegende Haile Gebrselassie. Der Doppelolympiasieger über 10.000 Meter der Spiele in Atlanta/USA (1996) sowie Sydney/Australien (2000) und mehrfache Marathonweltmeister Gebrselassie gilt als Begründer des äthiopischen Langstreckenmythos. Er ist das Idol nahezu aller Nachwuchsläufer in dem nordostafrikanischen Land, natürlich auch von Betelehem Zerihun Amesa und Gadisa Zawude Legese.

© dpa

Intensives Lauftraining

2017 durften die talentierten jungen Läufer dann auf Einladung des Auswärtigen Amts endlich an dem Berliner Halbmarathon teilnehmen. Sie hatten mittlerweile das Startalter von 16 Jahren erreicht. Beide Läufer sind im Umland von Addis Abeba in Kleinstädten auf einer Höhe von über 2.000 Meter geboren, wo sie auch heute noch leben. Bereits früh in der Schule wurde ihr außergewöhnliches Talent für das Langstreckenlaufen entdeckt und fortan gefördert. Jetzt trainieren Amesa und Legese regelmäßig in einer Laufgruppe. Legese sogar in einem Verein. Morgens um 5:30 Uhr, wenn die Temperaturen in Äthiopien noch erträglich sind, schnüren die beiden bereits die Laufschuhe. Und abends, nach der Schule, noch einmal. „Wir trainieren intensiv und vor allem vielfältig. Mal geht es ins Stadion, mal ins offene Gelände oder in den Wald“, schildern die beiden ihren sportlichen Alltag neben der Schule. Was die Teenager eint, ist der Traum, einmal das äthiopische Nationaltrikot tragen zu dürfen und für ihr Heimatland bei Olympischen Spielen oder Weltmeisterschaften an den Start zu gehen. Aber auch das: „Ich möchte mit meiner Sportkarriere der Armut entkommen“, erklärt Betelehem Zerihun Amesa. Gadisa Zawude Legese widerspricht ihr da nicht.

Unterwegs im grünen Herzen Berlins

Die Berliner Reise begann für die Lauftalente schon in Addis Abeba ziemlich aufregend. Es war ihre erste Flugreise, der erste Trip ins Ausland. Und auch der Start beim Berliner Halbmarathon machte sie ein wenig nervös. „Wenig Hochhäuser hier“, das fiel Legese gleich beim Anflug auf den Berliner Flughafen auf. Das sei in Addis Abeba ganz anders. Zu ihrem Lieblingsplatz haben die beiden in den vier Tagen in Berlin schnell den Tiergarten, einen Park im Herzen Berlins, auserkoren. Der liegt praktischerweise gleich um die Ecke ihres Hotels. „Weil es sich hier so prima laufen lässt“, sagt Amesa. Überhaupt sind die beiden überrascht, wie sportlich sich die Berliner geben. „Überall wird Rad gefahren und gelaufen. Auf den Straßen, in den Parks und das zu jeder Zeit. Ganz anders als bei uns. Da sind die europäischen Sportler klar im Vorteil“, sagt Gadisa Zawude Legese. Gewonnen haben die Europäer beim Berliner Halbmarathon trotzdem nicht.

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von Torsten Haselbauer

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