Die Polen-Erklärer

Deutsche Medien sind in Warschau mit einer großen Zahl von Korrespondenten vertreten

Polens Präsident Andrzej Duda spricht mit der Presse.
Polens Präsident Andrzej Duda spricht mit der Presse. dpa

Zwischen Deutschland und Polen herrscht eine viel beklagte Asymmetrie. Reisen führen öfter von Ost nach West. Ähnlich verhält es sich beim Erlernen der Sprache: Mehr Polen als Deutsche lernen die Sprache des Nachbarlandes. Nicht zuletzt leben und arbeiten mehr Menschen aus Polen in der Bundesrepublik als umgekehrt. Aus all dem resultiert ein Ungleichgewicht des Wissens übereinander, aber auch des Wissenwollens. Das Interesse am Nachbarland sei in Deutschland „geringer ausgeprägt als umgekehrt“, heißt es im aktuellen Deutsch-Polnischen Barometer. Gerhard Gnauck, langjähriger Korrespondent in Warschau, sieht es ähnlich: „Deutschland ist ganz stark präsent in Polen, im Guten wie im weniger Guten.“ Oft reibe man sich an dem Nachbarn im Westen.

Deutschland ist ganz stark präsent in Polen.

Gerhard Gnauck, Korrespondent in Warschau

Was dabei häufig übersehen wird: Es gibt auch eine spiegelverkehrte Asymmetrie. Gnauck selbst ist ein Beispiel. Seit mehr als 20 Jahren berichtet der promovierte Politikwissenschaftler als fest entsandter Korrespondent für renommierte Zeitungen wie die „Welt“ und die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ aus Warschau. Ein polnisches Pendant in Berlin sucht man vergeblich. Die namhaftesten Zeitungen des Landes, die „Gazeta Wyborcza“ und die „Rzeczpospolita“, haben ihre Deutschland-Korrespondenten vor Jahren abgezogen. Das war nicht mangelndem Interesse geschuldet, sondern hatte angesichts des Medienwandels vor allem finanzielle Gründe. Dennoch klafft in der polnischen Berichterstattung aus Deutschland eine Lücke.

„Da müssen wir vor Ort sein“

Umgekehrt kann davon kaum eine Rede sein. Zwar muss auch in deutschen Verlagen gespart werden. Gnauck jedoch ist keineswegs ein „Exot“ in Warschau. Die wichtigsten deutschen Fernseh- und Radiosender, Nachrichtenagenturen, Zeitungen, Internetportale und selbst einige Fachmagazine sind in Polen mit festen oder freien Korrespondenten vertreten. Und dafür gibt es gute, mitunter sogar idealistische Gründe. Wer sich in den Heimatredaktionen umhört, bekommt oft Sätze zu hören wie: „Polen ist einer der wichtigsten EU-Staaten. Die Wirtschaft boomt seit vielen Jahren. Da müssen wir vor Ort sein.“ Nicht zuletzt wird auch die schwierige gemeinsame Geschichte als Argument genannt. Aus den deutschen Menschheitsverbrechen der NS-Zeit ergebe sich eine „Verpflichtung zu ausgewogener Information“.

Die Außenminister Polens, Jacek Czaputowicz, und Deutschlands, Heiko Maas, bei einer gemeinsamen Pressekonferenz in Warschau 2019
Die Außenminister Polens, Jacek Czaputowicz, und Deutschlands, Heiko Maas, bei einer gemeinsamen Pressekonferenz in Warschau 2019
dpa

Ob die Korrespondenten diesem Anspruch immer gerecht werden, darüber gehen die Meinungen auseinander. Die wechselnden Regierungen in Warschau klagen seit vielen Jahren immer wieder über einen Hang zu überscharfer deutscher Kritik an der Lage in Polen. Gnauck hält das allerdings für einen normalen Vorgang: „Es wäre ja geradezu merkwürdig, wenn niemand etwas [an der Berichterstattung] auszusetzen hätte.“ Unter dem Strich dürfte die Vielzahl der deutschen Korrespondenten auch ein Mindestmaß an Vielfalt garantieren. So berichten neben Gnauck, der für die eher konservative „F.A.Z.“ arbeitet, auch die Korrespondentin der linksalternativen Berliner „tageszeitung“ (TAZ), Gabriele Lesser, und Florian Hassel von der linksliberalen „Süddeutschen Zeitung“ direkt aus Warschau.

Den Menschen eine Stimme geben

Hinzu kommt, dass es in der Berichterstattung keineswegs immer nur um Regierungshandeln geht. So sieht sich der Schweizer Journalist Paul Flückiger („NZZ am Sonntag“), der in Warschau als freier Korrespondent auch für deutsche Medien arbeitet, ausdrücklich nicht nur der politischen Analyse verpflichtet. Er wolle immer auch „nah am Volk“ sein, betont Flückiger, der dem Netzwerk „Weltreporter“ angehört. Tatsächlich gelingt es ihm immer wieder, mit seinen Reportagen das alltägliche Leben in Polen dem deutschsprachigen Publikum sichtbar zu machen und den Menschen eine Stimme zu geben.
Daran arbeiten auch die Fernsehteams der öffentlich-rechtlichen Sender ARD und ZDF oder der Deutschen Welle. Reportagen und herausragende Dokumentarfilme ergänzen die nachrichtliche Berichterstattung. Besonders eindrucksvoll gelingt das auch den Radiomachern Jan Pallokat (ARD) und Florian Kellermann, der beim Deutschlandfunk die komplette Bandbreite der Themen und Formate abdeckt. Kellermann berichtet aktuell, kommentiert, liefert aufwendig recherchierte Beiträge für die wöchentliche Reportagereihe „Gesichter Europas“ oder ist als Ansprechpartner im Podcast „DLF – Der Tag“ zu hören.

Tadeusz-Mazowiecki-Preis zeichnet vorbildlichen Journalismus aus

Dennoch: Trotz allen Engagements sind die Möglichkeiten der Berichterstattung durch äußere Zwänge begrenzt. Denn zur Wahrheit gehört auch, dass die meisten Korrespondenten mit Büros in Warschau nicht nur über Polen informieren, sondern über weitere Länder der Region. Immer am Ort des Geschehens zu sein, ist da unmöglich. Umso wichtiger ist deshalb Unterstützung, wie sie etwa die Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit leistet. Alljährlich veranstaltet die SdpZ nicht nur die bilateralen „Medientage“, sondern vergibt auch den Tadeusz-Mazowiecki-Preis an Journalisten aus beiden Ländern, die in herausragenden Beiträgen „fair und offen“ über den Nachbarn berichtet haben.

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