Ansichten: Irina Scherbakowa

Interview zu „25 Jahre Deutsche Einheit“.

Von der Arbeit der Erinnerung: Die russische Historikerin über Wege der Vergangenheitsbewältigung in Deutschland und Russland.

Als 1989 die Mauer fiel, waren Sie in München. Wie war es für Sie, dieses Ereignis in Deutschland zu erleben?

Ich war damals zum allerersten Mal in der Bundesrepublik, auf Einladung der Kulturreferats der Stadt München. Zuvor war ich sehr oft in Ost-Berlin gewesen und es war für mich eine unglaubliche Enttäuschung, am 9. November 1989 nicht in der Stadt zu sein. Es ist bis heute eine wichtige Lehre: In der deutschen und der russischen Geschichte hat staatliche Macht oft den Eindruck erweckt, sie sei für immer da. Und in Wirklichkeit können die Menschen sehr viel dazu beitragen, dass solche Macht überwunden wird.

Welchen Eindruck haben Sie vom Zusammenwachsen von Ost- und Westdeutschland?

Es war zunächst ein sehr schwieriger und komplizierter Prozess. Und es gab ja auch schwere Schicksale: von der hohen Arbeitslosigkeit der Neunzigerjahre bis zu den Erschütterungen, die die Auseinandersetzung mit den Akten der DDR-Staatssicherheit brachte. Heute sehen wir, dass dies ein gesunder Prozess der Vergangenheitsbewältigung war, der in Russland leider so nicht erfolgt ist.

Sie setzen sich nach wie vor für Erinnerungsarbeit in Russland ein, insbesondere mit der Menschenrechtsorganisation Memorial, die 1988 gegründet wurde.

In der Perestroika-Zeit schien es, dass Millionen Russen klar wurde: Der Weg in ein neues Leben kann nur gelingen, wenn wir die Vergangenheit aufarbeiten. Es sind unzählige Organisationen und Initiativen entstanden, die an den stalinistischen Terror mit Publikationen und Mahnmalen erinnert haben. Doch grundsätzliche demokratische Freiheiten sind in Russland leider immer weniger geschützt und unsere Arbeit wird durch die aktuelle Gesetzgebung sehr erschwert. Auch ist es ein starkes Warnsignal, dass Stalin heute von einer Mehrzahl der Russen wieder positiv gesehen wird.