Geschätzter Erzähler 
deutscher Geschichte

Neil MacGregors Außenblick hat die Debatte über deutsche Vergangenheit und Erinnerung bereichert. Ein Gespräch über seine viel gelobte Ausstellung und sein neues Buch.

Ihre Ausstellung „Deutschland: Erinnerungen einer Nation“ im British Musem war äußerst erfolgreich. Nun ist auch das Buch dazu auf Deutsch erschienen. Was war die Idee dahinter?

Das im 20. Jahrhundert dramatisch verengte Deutschlandbild der Briten zu erweitern und der auf den Ersten Weltkrieg und das Naziregime beschränkten Darstellung als aggressiver, militaristischer Feind in Schulen und Hochschulen entgegenzuwirken. Es ging darum, zu argumentieren, dass die 1991 entstandene Nation ein Deutschland sei, das es so nie gegeben habe, und zu fragen, was die innerhalb der neuen Grenzen lebenden Menschen gemeinsam hätten – ob sie nun aus der DDR oder der alten Bundesrepublik stammten. Es ging um die Erinnerungen, die dieses neue Land zusammenhalten.

Ist es Ihnen gelungen, den britischen Blick zu erweitern?

Die Reaktion hat alle Erwartungen übertroffen. Die begleitende BBC-Hörfunksendung hat täglich drei bis vier Millionen Menschen angezogen, die Ausstellung war ausverkauft. Die Öffentlichkeit wusste, dass ihr Deutschlandbild veraltet und unzulänglich war. Unser Projekt hat die Art und Weise, in der die Briten über Deutschland nachdenken, in hohem Maß beeinflusst. Ausstellungsbesucher, Zuhörer und Leser bekannten, dass sie viele Aspekte bislang nicht begriffen hatten: die sich ständig verändernden Grenzen, das Phänomen der Vertriebenen nach 1945, die Auswirkung der weit zurückreichenden Fragmentierung durch das föderale System auf die regionale Identität. Diese Fragen, die für jeden Deutschen selbstverständlich sind und die dem Bild eines im Ersten Weltkrieg militarisierten und im Zweiten Weltkrieg nazifizierten Staates widersprechen, wurden nun stärker wahrgenommen.

Wie sehen Sie die deutsche Reaktion auf Ihr Projekt?

Die Reaktion war für mich überraschend, weil ich dachte, dass die Deutschen die Themenwahl als banal empfinden würden. Ich war erstaunt, wie viel einfacher als für einen deutschen Erzähler es für ­einen Nichtdeutschen ist, Geschichten über die deutsche Vergangenheit zu erzählen, über Königsberg, Straßburg und Prag als Städte sprechen zu können, die eine riesige Rolle gespielt haben im deutschen Kulturleben, obwohl sie jetzt nicht mehr in Deutschland liegen. Hinzu kommt, dass das Buch aus Erinnerungsfragmenten besteht. Die Geschichte wird nicht als ein gerader Weg dargeboten, der unweigerlich in die mörderische Kriminalität des Holocaust mündet. Dieser Ansatz hat einen anderen Blick ermöglicht. Die Schrecken sind zwar die zentrale Erinnerung, durch die die Vergangenheit gesehen wird, sie sind aber nicht die einzige Erinnerung und sie sind nicht das, worauf die ganze Geschichte zuläuft. Ich fand es frappierend, wie sehr die Deutschen wegen der Verantwortung für die Verbrechen der Hitlerzeit ihre tiefere und ältere Vergangenheit aus den Augen verloren haben. Es hat mich überrascht, von Deutschen zu hören, wie viel sie gelernt hätten aus dem Material in dem Buch, von dem ich glaubte, es müsste jedem aus der Schule vertraut sein.

Manche würden – wie gegen Christopher Clarks „Die Schlafwandler“ – einwenden, dass Sie den Deutschen eine allzu bequeme Version ihrer Geschichte bieten, dass Sie sie ungeschoren davonkommen lassen.

Ich würde argumentieren, dass das Buch vieles enthält, was äußerst unbequem ist. In fast jedem Kapitel ist unumgänglich erkennbar, in welchem Ausmaß die deutsche Geschichte durch die Erfahrung des Nationalsozialismus vergiftet worden ist. Das muss Ausländern klargemacht werden. Unser Zielpublikum war zunächst britisch. Die Briten haben ein sehr bequemes Bild ihrer Geschichte. Für sie ist schwer begreiflich, dass kaum ein Aspekt der deutschen Vergangenheit unberührt geblieben ist vom Gift der Hitlerzeit. Ich finde nicht, dass das Buch die Deutschen ungeschoren davonkommen lässt. Es spricht die Grundwahrheit aus, dass die Erinnerung beherrscht wird von der gemeinsamen Verantwortung für das größte Verbrechen. Das ist nicht die einzige ­Erinnerung. Selbstverständlich sind die Erinnerungen der Hitlerzeit bestimmend, aber es gibt auch andere Erinnerungen, die berücksichtigt werden müssen.

Im Zentrum Ihres Buches steht die Frage: Was ist Deutschland? Als Leiter der Gründungsintendanz des Humboldt-Forums werden Sie sich mit der deutschen Identität im größeren Zusammenhang der Weltkulturen befassen. Welche Anregungen haben Sie dafür aus Ihrer Arbeit an diesem Buch gezogen?

Mit der Ausstellung wollten wir vor allem vermitteln, dass man im Falle Deutschlands, anders als bei Britannien oder Frankreich, nicht von einer Geschichte sprechen kann. Was Deutschland trotz der unterschiedlichen historischen Entwicklungen seiner Teile durchweg bindet, ist die Sprache. Diese bindende Kraft könnte ein interessanter Ansatz sein für das Nachdenken über Weltkulturen und die Frage, wie man materielle Kultur und Erinnerungen aus anderen Ländern darbietet. Identität besteht ja auch darin, wie man seine Stellung in der Welt sieht.

Sie beenden Ihr Buch mit Gerhard Richters Rückansicht seiner Tochter. Sie sagen, dass die vom Betrachter abgewandte Betty sich jeden Moment umdrehen und in die Zukunft blicken werde. Als Sie das geschrieben haben, hatte Angela Merkel den Flüchtlingen noch nicht Tür und Tor geöffnet. Wie sieht diese Zukunft aus, in die Betty schaut?

In den „Erinnerungen einer Nation“ haben wir die Geschichte der Vertriebenen beleuchtet. Dass Deutschland ein Land ist, in dem fast jede Familie eine Erinnerung dieses Vetriebenen-Schicksals besitzt, war den Briten nicht bewusst. Diese Erfahrung wirkt sich selbstverständlich auf die deutsche Sicht der gegenwärtigen Situation und die ethischen Fragen aus, die im Zusammenhang mit jeder politischen Debatte gestellt werden müssen. Jedes betroffene Land sieht die europäische Flüchtlingskrise als ein internes politisches Problem. Nur die Bundesrepublik hat sie als eine moralische Herausforderung an die Grundsätze aufgefasst, auf denen die europäische Zivilisation beruht. Das resultiert aus dem von der Geschichte geprägten deutschen Umgang mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Wir wissen, dass Richters Betty das Werk ihres Vaters betrachtet und sich gleich umdrehen wird. Was sie sieht, wenn sie den Blick nach vorn richtet, ist der Versuch, moralische Prinzipien mit der Komplexität und Machbarkeit der Politik in Einklang zu bringen. ▪