Gesundheit ohne Grenzen

Ein Projekt in Guben arbeitet an einer offenen Grenze auch für Krankenwagen und Notärzte.

Gesundheit ohne Grenzen
dpa

Wenn die Not groß ist, wenn es um Leben und Tod geht, vergessen die Rettungssanitäter die deutsch-polnische Grenze. Dann steuern sie mit ihren Patienten das nächstgelegene Krankenhaus an, gleich in welchem Land es liegt. Erlaubt ist das nicht. Daher sieht es bei gewöhnlichen Krankentransporten auch anders aus. Wird ein polnischer Patient etwa aus dem Naemi-Wilke-Stift in Guben auf der deutschen Seite der Neiße in seine Heimat verlegt, dann fährt der deutsche Krankenwagen bis zur Grenz-Brücke nach Gubin und wartet dort auf die polnischen Kollegen, um den Patienten umzuladen. Und umgekehrt. Den kleinen Grenzverkehr gibt es an der deutsch-polnischen Grenze vielerorts also nur im äußersten Notfall – und dann ist er oftmals nicht legal.

Das soll sich nun ändern, denn, wenn alles nach Plan verläuft, wird der Jahreswechsel den Unfallopfern und Kranken zu beiden Seiten der Grenze zwischen Guben und Gubin das Leben wesentlich erleichtern. Das von der EU unterstützte Projekt „Gesundheit ohne Grenzen“ des Naemi-Wilke-Stifts arbeitet seit April 2017 an diesem Ziel. Eine entsprechende Kooperationsvereinbarung wird zur Zeit in den Kreisen und kreisfreien Städten entlang der Grenze verabschiedet, in den Woiwodschaften ist dies dem Vernehmen nach bereits geschehen.

Ben Mangelsdorf von der Falck-Notfallrettung steht in Guben am Grenzfluss Neiße.
Ben Mangelsdorf von der Falck-Notfallrettung steht in Guben am Grenzfluss Neiße. dpa

Die Grenze soll dann für Krankenwagen und Notärzte in beiden Richtungen geöffnet werden. Gerade auf der polnischen Seite dürfte das zu Verbesserungen in der Notfallversorgung führen. Die Entfernungen zu den gut ausgerüsteten, auf Notfälle aller Art vorbereiteten Kliniken sind dort groß, oft größer als zu deutschen Krankenhäusern. Beispiel Guben: In Gubin, auf der polnischen Seite, gibt es kein Krankenhaus, das nächste liegt in Krosno, 30 Kilometer entfernt, eine wesentlich besser für Notfälle ausgestattet Klinik ist in Zielona Góra, rund 60 Kilometer entfernt. Beispiel Zasieki bei Forst: 45 Minuten dauert die Fahrt ins Krankenhaus nach Zary, eine Stunde nach Zielona Góra – in die Klinik nach Forst in Deutschland aber nur wenige Minuten. Beispiel Leknica: 30 Minuten dauert es mit Blaulicht nach Zary, rund 15 Minuten über die Grenze in die Klinik nach Weißwasser. Unterschiede, die über Leben und Tod oder über das Ausmaß bleibender Schäden entscheiden können.

Ortsschild der Doppelstadt beidseits der Grenze.
Ortsschild der Doppelstadt beidseits der Grenze. dpa

Das ist auch den Entscheidungsträgern schon lange klar. Es gibt auch genügend Beispiele, dass grenzüberschreitende Hilfe möglich ist, zwischen Sachsen und Tschechien, zwischen Nordrhein-Westfalen und den Niederlanden, oder auch zwischen Österreich und Tschechien. Allerdings dürfen die Probleme nicht unterschätzt werden: Welche Krankenversicherung ist für die Patienten im Ausland zuständig? Sind Retter und Patient bei einem Unfall während des Krankentransports versichert? Was dürfen die Sanitäter tun, um den Patienten zu helfen? Rettungssanitäter haben zum Beispiel in Polen Befugnisse, die in Deutschland Ärzten vorbehalten sind. Schließlich gibt es die Sprachbarriere, die bei einem grenzübergreifenden Rettungswesen die Verständigung zwischen Patient und Sanitäter erschwert.

Guben und Gubin verstehen sich als eine Stadt in zwei Ländern.

Gottfried Hain, Verwaltungsdirektor des Naemi-Wilke-Stifts

Das Projekt „Gesundheit ohne Grenzen“ packt all diese Problem an. Das reicht von Sprachkursen für das Personal des Naemi-Wilke-Stifts bis zur Einführung eines zweisprachigen Hinweissystems im Krankenhaus selbst. „Die Hoffnung und die Erwartung“ ist, dass nun auch die notwendige Kooperationsvereinbarung für den Rettungsdienst spätestens Anfang 2020 unterschrieben wird, heißt es beim Stift. Der Verwaltungsdirektor des evangelischen Krankenhauses, Gottfried Hain, sagte anlässlich eines Besuchs des brandenburgischen Europaministers Stefan Ludwig, Guben und Gubin verstünden sich ohnehin als eine Stadt in zwei Ländern. Dazu gehöre eine hochwertige Gesundheitsversorgung für „unsere Doppelstadt“. Wie es aussieht, wird die Region diesem Ziel schon sehr bald einen bedeutenden Schritt näherkommen.

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