Flüchtlingen einen 
Neustart ermöglichen

Eine Initiative des ­Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung soll dazu ­beitragen, Fluchtursachen zu bekämpfen – und die Folgen abzumildern.

Immer wieder flüchten, immer wieder weiterziehen – für Severina William war das lange Zeit Alltag. Während des Bürgerkriegs im Südsudan musste sie immer wieder bewaffneten Gruppen entkommen. Nun hat sie am Rand der Stadt Ibba im Südwesten des Landes ein neues Zuhause gefunden – und darüber hinaus eine Möglichkeit, Nahrungsmittel selbst anzubauen und Geld zu verdienen. Die neue Chance verdankt sie einem Projekt, das Flüchtlingen zu einem Neuanfang verhilft: einer Bauernfeldschule.

In der Schule erfährt sie alles, was sie für ihr Arbeit als erfolgreiche Bäuerin braucht. Sie lernt, wie man am besten sät, wann der richtige Zeitpunkt für die Ernte ist und wie man später die Ernte lagern sollte. Das Saatgut und die Geräte für den Anbau erhält sie von der Schule. „Bald werden wir in der Lage sein, auf eigenen Beinen zu stehen“, sagt Severina William.

Von dem neuen Wissen profitiert aber nicht nur sie. Ihre Fähigkeiten geben die Teilnehmer der Bauernfeldschule auch an andere weiter. So können die Bauern die landwirtschaftliche Produktion in der Region nach und nach steigern und immer mehr Menschen mit Nahrung versorgen. Mehr als 45 000 Menschen – Bauern und Familienangehörige zusammengerechnet – haben bereits von dem Angebot profitiert. Fast 7000 kleinbäuerliche Haushalte haben Schulungen im Gemüse- und Feldbau erhalten. Die Ernteerträge stiegen um bis zu 20 Prozent.

Die Bauernfeldschule ist ein Beispiel, das zeigt, wie Flüchtlinge neue Perspektiven für ein selbstbestimmtes Leben bekommen können. Es ist Teil der Sonderinitiative „Fluchtursachen bekämpfen – Flüchtlinge reintegrieren“ des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ). Die Sonderinitiative unterstützt Menschen in 19 Ländern sowie durch mehrere überregionale Projekte. Dazu gehören neben dem Südsudan beispielsweise auch Somalia, der Tschad, Uganda und die Zentralafrikanische Republik. Insgesamt stehen 330 Millionen Euro für die Initiative zur Verfügung, die 2014 startete. Bis zu fünf Jahre laufen die einzelnen Projekte.

„Mit der Sonderinitiative will das BMZ dazu beitragen, dass Konflikte erst gar nicht entstehen, eskalieren und Menschen zur Flucht zwingen“, sagt eine Sprecherin des Ministeriums. „Gleichzeitig will es helfen, die negativen Auswirkungen von Flüchtlingsbewegungen für alle Beteiligten abzumildern.“ Ziel ist es, zusammen mit Partnern die Fluchtursachen zu bekämpfen und die Aufnahmeregionen zu stabilisieren. Außerdem soll die Initiative dazu beitragen, die Menschen in der neuen Heimat zu integrieren oder ihnen zu helfen, in ihrer alten Heimat wieder Fuß zu fassen.

Projekte in unterschiedlichen Bereichen sind gestartet, um diese Ziele zu erreichen: Das Bundesministerium finanziert Bildungsangebote und hilft Männern und Frauen, sich weiterzuqualifizieren. Die Initiative verbessert die Wasser- und Gesundheitsversorgung und bietet psychologische Hilfe. Auch Friedens- und Versöhnungsprojekte gehören dazu. In der Subsahara-Afrika-Region werden beispielsweise im Südsudan Trinkwasser- und Sanitäranlagen für 36 000 Vertriebene und die einheimische Bevölkerung gebaut. In Mali und der Grenzregion Niger erhalten Jugendliche eine berufliche Ausbildung. Und in der Zentralafrikanischen Republik werden Schulen für mehr als 50 000 Kinder wieder aufgebaut.

Die Sonderinitiative ist vor dem Hintergrund der steigenden Flüchtlingszahlen entstanden: Weltweit sind derzeit rund 60 Millionen Menschen auf der Flucht. Sie verlassen ihre Heimat, weil Krieg herrscht, weil sie verfolgt oder unterdrückt werden. Sie fliehen vor Gewalt oder den Folgen des Klimawandels. Neun von zehn Flüchtlingen leben in einem Entwicklungsland.

Diese Aufnahmeregionen benötigen Unterstützung, betont Steffen Angenendt, Migrationsforscher bei der Stiftung Wissenschaft und Politik. „Es gibt dort häufig zu wenig Schulen, keine gute Gesundheitsversorgung und keine funktionierende Verwaltung“, so Angenendt. Oft blieben die Flüchtlinge längere Zeit in diesen Regionen. „Ihnen muss deshalb vor Ort eine Perspektive aufgezeigt werden.“ Sonst würden sie wieder aufbrechen. „Die Migrationsforschung zeigt: Wer bereits einmal geflohen ist, der ist eher bereit, sich wieder auf den Weg zu machen“, sagt der Wissenschaftler.

Insbesondere das Engagement im Bildungsbereich zahle sich aus, unterstreicht Angenendt: „Viele junge Flüchtlinge sind längere Zeit nicht zur Schule gegangen. Wenn sie keine Hilfe erhalten, können sie ihre Potenziale nicht nutzen und es wächst eine verlorene Generation heran.“ Die Unterstützung sei auch deshalb sehr wichtig, weil die Zuwanderer häufig mit der einheimischen Bevölkerung um Ressourcen konkurrieren. Dadurch können Konflikte entstehen: zum Beispiel um Essen und Bildung.

Um diese Konflikte zu bekämpfen, arbeitet das BMZ bei der Sonderinitiative mit verschiedenen Partnern zusammen. Dazu gehören die Europäische Kommission sowie staatliche Organisationen wie die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) und die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ). Auch die Vereinten Nationen, Universitäten, Think Tanks, Nichtregierungsorganisationen, Stiftungen, Kirchen sowie die Regierungen der betroffenen Staaten zählen zu den Partnern.

Die Sonderinitiative ist nur ein Baustein des BMZ, um Flüchtlingen neue Perspektiven zu bieten. Insgesamt wird das Bundesministerium in dieser Legislaturperiode mehr als 12 Milliarden Euro in Herkunfts- und Aufnahmeländern ausgeben – und damit weiterhin international Verantwortung übernehmen.