„Viele Menschen wollen etwas tun“

Der Soziologe Serhat Karakayali über die Hintergründe des stark gestiegenen Engagements in der Flüchtlingshilfe.

dpa/Uwe Anspach - Flüchtlinge am Drehkreuz Mannheim

Wer sind die vielen Ehrenamtlichen, die sich um Flüchtlinge in Deutschland kümmern, und was ist ihre Motivation? Serhat Karakayali, selbst Sohn türkischer Zuwanderer, vom Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung der Humboldt-Universität hat sich gemeinsam mit dem Politikwissenschaftler Olaf Kleist die Strukturen der Hilfe angesehen.

Herr Karakayali, die Hilfsbereitschaft gegenüber Flüchtlingen in Deutschland hat erheblich zugenommen, viele Menschen engagieren sich ehrenamtlich. Können Sie diesen Anstieg beziffern?
Das ist schwierig, weil sich die meisten Helfer in selbst geschaffenen Strukturen engagieren, außerhalb der großen Verbände und Institutionen. Aber auch ein Großteil der etablierten Organisationen, die wir befragt haben, berichtet von einer deutlichen Zunahme. Seit 2011, also seit dem Beginn des Bürgerkrieges in Syrien, ist die Zahl der Ehrenamtlichen in der Flüchtlingsarbeit um rund 70 Prozent gestiegen.

Wie engagieren sich die Menschen?
Früher ging es bei der ehrenamtlichen Arbeit mit Flüchtlingen vor allem darum, die Menschen bei der Integration und der Organisation ihres Alltags zu unterstützen. Das passiert auch heute noch: Die Helfer begleiten sie bei Behördengängen, übersetzen für sie, geben Sprachunterricht, machen Fahrdienste. In der aktuellen Ausnahmesituation mit der hohen Zahl von Flüchtlingen kommen Aspekte der Grundversorgung hinzu – die Ehrenamtlichen verteilen Essen, sortieren gespendete Kleidung oder bauen Zelte für die vorübergehende Unterbringung auf.

Was treibt die Helfer an?
Mehrere Faktoren spielen eine Rolle. Laut unserer Umfrage sind die Ehrenamtlichen  vor allem humanitär und menschenrechtlich orientiert. Religion dagegen spielt als Motiv selten eine Rolle. Die Entwicklung der vergangenen Wochen und die dramatischen Fernsehbilder der Flüchtlinge haben stark dazu beigetragen, dass viele Menschen etwas tun wollen. Und natürlich gilt auch: Wenn ich jemandem helfe, der unzweifelhaft in Not ist, macht mich das glücklich.

Gibt es den „typischen“ Flüchtlingshelfer?
Ja, das kann man so sagen. Laut unserer Umfrage ist er weiblich, gut ausgebildet und steht finanziell nicht schlecht da. Außerdem haben wir festgestellt, dass sich besonders viele Menschen mit Migrationshintergrund engagieren – ihr Anteil an den Ehrenamtlichen ist mit 40 Prozent doppelt so groß wie ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung. Diese Menschen helfen mit dem Gefühl: Ich kann verstehen, in welcher Situation du bist.

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