Syriens Nachbarn stützen

Handel erleichtern, in Bildung investieren – über Ansätze, Ländern wie dem Libanon und syrischen Flüchtlingen dort zu helfen, diskutieren „Diplomaten im Dialog“.

Auswärtiges Amt

Er ist erst acht Jahre alt, aber er spürt schon, dass er nicht willkommen ist. „Sie nehmen uns die Arbeit weg“, oder: „Sie schaffen nur Probleme“ – das sind Sätze, die er hört. Und er ahnt, dass er gemeint ist. Ahmed ist einer von mehr als einer Million syrischen Flüchtlingen, die im Libanon Zuflucht gefunden haben. Inzwischen kommt etwa jeder vierte Einwohner des Landes aus dem syrischen Bürgerkrieg. Das kleine Land, das schon seit Jahren politisch und wirtschaftlich am Abgrund steht, ist durch die Flüchtlinge besonders stark herausgefordert.

Das berichtet der Libanese Charbel Dadde im Rahmen der Reihe „Außenpolitik Live – Diplomaten im Dialog“ des Auswärtigen Amtes und des Instituts für Auslandsbeziehungen (ifa) in Darmstadt. Mehr als die Hälfte der syrischen Kinder, so Charbel Dadde, gehe im Libanon morgens nicht in die Schule, sondern auf die Straße, um Taschentücher zu verkaufen. Der achtjährige Ahmed könne zumindest zweimal pro Woche zu dem Unterricht gehen, den Daddes Organisation „Teach for Lebanon“ im Flüchtlingszentrum in der Stadt Baalbek anbietet. „Ich möchte Ingenieur werden“, sagt Ahmed, „damit ich später die Häuser in Syrien wieder aufbauen kann.“ Sieht er keine Perspektive, kann es gut sein, dass er es später vielen Syrern gleichtut und nach Europa flieht.

„Nichts ist besser als eine politische Lösung“

Damit aber nicht noch mehr Flüchtlinge die gefährliche Reise nach Europa wagen, setzt sich die Bundesregierung für die Bekämpfung von Fluchtursachen ein. Über Wege dazu diskutierte der Sonderbeauftragte der Bundesregierung für die Stabilitätspartnerschaft Mittlerer Osten, Joachim Rücker, mit Katharina Lumpp vom Hochkommissariat der Vereinten Nationen für Flüchtlinge (UNHCR) und Politikwissenschaftler Stephan Stetter von der Universität der Bundeswehr in München.

„Was 1631 Magdeburg war, ist heute Aleppo“, so der Journalist der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (F.A.Z.) und Syrienkenner Rainer Hermann, der das Gespräch moderierte. Ein Ende des syrischen Bürgerkrieges sei – wie im Dreißigjährigen Krieg – nicht in Sicht, und somit auch kein Ende der Flüchtlingskrise. Was aber können Europa und Deutschland tun, um den Libanon und die anderen Nachbarländer Syriens, die vom Zustrom der Flüchtlinge besonders betroffen sind, zu unterstützen?

Joachim Rücker verwies auf die ganz erheblichen Anstrengungen der internationalen Gemeinschaft mit dem Ziel, für die Menschen in der Region bessere Perspektiven zu schaffen - trotz der anhaltenden Konfliktsituation. Ein Beispiel seien die Handelserleichterungen der Europäischen Union für Jordanien, die in fast 20 Sonderwirtschaftszonen gelten, für die man gerade Investoren werbe. Das Hauptziel sei es, Stabilität zu fördern. Insbesondere Bildung für die syrischen Flüchtlingskinder in Jordanien, Libanon und der Türkei sei hierbei wesentlich („keine verlorene Generation"); ebenso Beschäftigung, selbstverständlich auch für die Einheimischen. „London war ein Meilenstein auf diesem Wege“, sagte der Beauftragte der Bundesregierung. Dort hat die internationale Gemeinschaft Anfang 2016 zwölf Milliarden Dollar an Hilfe für die Menschen in Syrien und den Aufnahmeländern über mehrere Jahre zugesagt. Erfolge gibt es seit Februar vorzuweisen: Zum Beispiel können in der Türkei im Schuljahr 2016/17 etwa die Hälfte der syrischen Flüchtlingskinder eine Schule besuchen, im Libanon sind es etwas und in Jordanien deutlich mehr. Auch machen viele Erstaufnahmegemeinden gute Erfahrungen mit Geldkarten für Flüchtlinge, mit denen diese in lokalen Supermärkten Grundnahrungsmittel einkaufen können. Auch auf dem Arbeitsmarkt geht es voran. So wurden in Jordanien seit Anfang des Jahres rund 30.000 Arbeitsgenehmigungen für syrische Flüchtlinge erteilt. Doch es sei noch sehr viel zu tun, darin sind sich alle Gesprächspartner einig. Und ohnehin gilt, so Rücker: „Alles, was wir tun können, um das Leid zu lindern und Perspektiven zu schaffen, kann eine politische Lösung nicht ersetzen, auf diese Lösung kommt es nach wie vor an.“

„Die Hilfe besser kommunizieren“

„Je länger die Flüchtlinge in den Erstaufnahmeländern sind, desto ärmer werden sie“, sagt Lumpp, die lange für den UNHCR in Jordanien gearbeitet hat. Daher sei es wichtig, in die Nachbarländer Syriens zu investieren. „Wir können uns nicht auf humanitäre Hilfe beschränken“, sagt sie, vor allem die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit internationalen Finanzinstituten wie der Weltbank sei wichtig. Trotz der Hilfsmaßnahmen wird aus den arabischen Ländern aber der Vorwurf laut, dass der Westen zu wenig tue. Das hört Politikwissenschaftler Stephan Stetter immer wieder auf seinen Reisen im Nahen Osten. Wichtig sei eben auch, sagt er, die Hilfe besser zu kommunizieren.

Charbel Dadde, für zwei Monate als Stipendiat des ifa in Deutschland, ist froh, dass in Deutschland überlegt wird, wie man dem Libanon weiter helfen kann. „Diese Kinder brauchen uns dringend“, sagt er. Damit im Libanon keine verlorene Generation entsteht, brauche es vor allem mehr Investitionen in Bildung: 1.800 Dollar kostet die Schulausbildung für ein Kind. Einer von Ahmeds Klassenkameraden, erzählt Dadde von seinen Erfahrungen im Unterricht, hat ebenfalls schon einen Berufswunsch: Er möchte Arzt werden, „damit er die vielen Verletzten behandeln kann“. Vielleicht kann er einmal Medizin studieren. Jetzt lernt er erst einmal lesen und schreiben. Zumindest zweimal die Woche.

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