Für einen Dialog der Werte

Der „Faktor Religion“ darf nicht länger ignoriert werden: Deutschlands neue Strategie in Entwicklungspartnerschaften zeigt erste Erfolge.

Religion-Church-Development-Cooperation
dpa/Kristin Palitza

Über ihre Netzwerke und Gotteshäuser erreichen Religionen mehr Menschen als jede andere Organisation. Und: Religiöse Führer gelten in ihren Ländern als Autoritäten. Das trifft besonders auf ärmere Länder zu, wo Kirchen oft mehr Vertrauen genießen als der Staat. Die deutsche Bundesregierung sieht Religionsgemeinschaften deshalb als „zentrale Werteressource“ mit „großer Gestaltungskraft“.

Der große Einfluss kirchlicher Vertreter zeigt sich allerdings im Guten wie im Schlechten. Sie handeln nicht automatisch moderat, nur weil alle Weltreligionen das solidarische Miteinander predigen. Manch religiöse Gruppe – wie der „Islamische Staat“ im Nahen Osten oder die Lord’s Resistance Army in Uganda – ermutigen zur Gewalt und üben sie auch selbst aus. Religiöse Autoritäten können „als Brandlöscher oder als Brandbeschleuniger“ wirken, sagt Bundesentwicklungsminister Gerd Müller. 

Weil ihre Reichweite jedoch groß ist, will das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) häufiger auf die Kooperation mit religiösen Akteuren setzen. Und dabei „diejenigen stärken und als Partner gewinnen, die sich innerhalb der Religionen für Frieden und Toleranz einsetzen“. Zwar hat das BMZ schon zuvor auf die Leistungen der großen Kirchen in Deutschland zurückgegriffen. Es hat aber nicht Religion selbst und die Zusammenarbeit mit deren Vertretern in den Partnerländern in den Mittelpunkt gestellt. Das ändert sich, „weil wir gemerkt haben, dass wir an einem wesentlichen Akteur vorbeigehen“, so Bernhard Felmberg vom BMZ.

Inzwischen hat das BMZ zusammen mit Vertretern verschiedener Religionen, humanistischer Verbände und Entwicklungsorganisationen eine Strategie zum Umgang mit religiösen Vertretern entwickelt. Sie ist die erste ihrer Art in Deutschland und trägt den Titel „Religionen als Partner in der Entwicklungszusammenarbeit“. Als Kriterien listet sie unter anderem den Willen zum Wandel und die Achtung der Menschenrechte auf. „Hier jeweils die moderaten Kräfte als Partner zu finden ist ohne Zweifel ­eine Herausforderung. Aber wir meinen, dass sich die Mühe lohnt“, so Felmberg. Einige Projekte laufen bereits: Da helfen religiöse Führer beim Wassersparen in Jordanien oder sprechen Fatwas gegen weibliche Genitalverstümmelung in Mauretanien aus. Und das ist nach BMZ-Angaben erst der Anfang – der Umgang mit dem „Faktor Religion“ soll stärker und professioneller werden. 

Das große Echo auf den Politikwechsel 2014 überraschte das BMZ: „Wir haben hier richtig was losgetreten“, sagt Felmberg. Das zeigt sich vor allem an der Internationalen Partnerschaft für Religion und nachhaltige Entwicklung, die das BMZ gegründet hat. Ihr gehören inzwischen mehr als 60 Mitglieder und Partner an, darunter das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen, die Weltbank und Islamic Relief.

Sie alle eint die Überzeugung, dass religiöse Gemeinschaften als Partner im Dialog für Entwicklung nicht länger ignoriert werden dürfen. Gerade in einer Welt, in der religiös motivierter Extremismus fast täglich neue schreckliche Schlagzeilen produziert – ob in Barcelona, Berlin oder Bagdad, ob gegen Christen, Muslime oder Juden. Dafür braucht es Gegengewichte. Und die können nach Ansicht des BMZ besonders wirkungsvoll sein, wenn sie aus den Religionen selbst kommen. „Wir leben in einer religiös geprägten Welt“, so Gerd Müller. Deshalb sei Entwicklungszusammenarbeit mehr als Technologietransfer oder Aufbau von Infrastruktur. Dem Minister geht es auch um einen Wertedialog.

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