Verlässlich und beharrlich

13 Beispiele machen Hoffnung: Hier ist es Religionsvertretern gelungen, verfahrene Konflikte zu lösen und Gewalt zu stoppen.

Kolumbiens Präsident Juan Manuel Santos mit Papst Franziskus
Kolumbiens Präsident Juan Manuel Santos mit Papst Franziskus dpa

1. Kolumbien

Im kolumbianischen Friedensprozess der  vergangenen Jahre spielten Vertreter der katholischen Kirche eine wichtige Rolle im Hintergrund, da sie das Vertrauen aller Konfliktparteien ­genossen, so auch bei der Überarbeitung des ­zunächst von der Bevölkerung abgelehnten ­Friedensabkommens.

2. Mosambik

Im bürgerkriegsgeschüttelten Mosambik vermittelte die katholische Laienbewegung Sant’Egidio ­zusammen mit Bischof Gonçalves 1992 im Zenit des Bürgerkrieges ein mehr als 20 Jahre lang stabiles Friedensabkommen. Zuvor war ein Vermittlungsversuch der Vereinten Nationen gescheitert, die  Situation schien hoffnungslos. Auch in Guinea/­Conakry handelte Sant’Egidio 2010 ein Friedens­abkommen aus, das den Weg für die ersten demokratischen Wahlen nach 50 Jahren ebnete, aktuell bemüht sich die Gemeinschaft um einen Waffenstillstand in der Zentralafrikanischen Republik. 

3. Ruanda

Während des Genozids in Ruanda 1994, in dem (christliche) Hutu innerhalb von 100 Tagen  über 800.000 (christliche) Tutsi niedermetzelten, widersetzte sich nur eine Bevölkerungsgruppe der Gewalt: die ruandischen Muslime. Sie erkannten schon sehr früh, wohin die politische Hass- und Gewaltpropaganda steuerte. Mutig erhoben sie ihre Stimme dagegen, verurteilten die Gewalt als koranwidrig und legten an den muslimischen Schulen Programme auf, um Kinder und Jugendliche zu sensibilisieren und zu immunisieren gegen die Propaganda. Sie verweigerten sich der Gewalt und  halfen Flüchtlingen – gleich welcher Religion oder Ethnie –, den Todesschwadronen zu entkommen, versteckten sie, versorgten sie mit Lebensmitteln, stellten sich schützend vor sie, oft um den Preis des eigenen Lebens.

4. Benin

Dass der Systemwandel zur Demokratie in Benin 1989/90 gewaltlos verlief, ist in erster Linie Bischof Isidore de Souza zu verdanken. Er initiierte im  Februar 1990 die Conférence Nationale des Forces Vives de la Nation mit fast 500 Delegierten aus  allen maßgeblichen gesellschaftlichen und politischen Gruppierungen des Landes. Unter seiner  Leitung gelang es dieser Nationalkonferenz in wenigen Tagen, sich auf zentrale demokratische  und wirtschaftliche Reformen zu verständigen und alle Kräfte auf einen Gewaltverzicht zu verpflichten. Später stand Isidore de Souza – zwar gegen ­geltendes katholisches Kirchenrecht, doch (ausnahmsweise) mit Zustimmung des Papstes – auch der Übergangsregierung und schließlich dem gesetzgebenden Haut Conseil de la République vor. Durch die hauptamtliche Übernahme dieser ­hochrangigen politischen Funktionen konnte de Souza unmittelbar zwischen den Konfliktparteien vermitteln und integrieren und so den System­wandel von Anfang an in friedliche Bahnen lenken, bevor er sich 1993 wieder auf sein geistliches Amt beschränkte.

5. DDR

Die Protestbewegung in der DDR hätte sich ohne die Mitwirkung der evangelischen Kirchen kaum entwickeln können und die „friedliche Revolution“ von 1989 wäre wohl nicht lange friedlich geblieben. Dabei wirkten Kirchenvertreter auf verschiedene Weise: Zum einen bot die Kirche ein Dach, unter dem unterschiedliche oppositionelle Menschen und Gruppen zusammenkommen konnten – dazu gab es in der DDR keine Alternative. Zweitens waren kirchliche Vertreter oder Gruppen wichtige Mitgestalter der Oppositionsbewegung. Drittens wirkten Kirchenvertreter als Vermittler zwischen Volk und Staatsgewalt, insbesondere im Herbst 1989, als eine gewaltsame Niederschlagung der Demonstrationen zu befürchten stand. Und viertens waren viele Pastoren und Pastorinnen  an den „Runden Tischen“ auf allen politischen ­Ebenen daran beteiligt, den Übergang 1989/90 zu gestalten, und nach der Wiedervereinigung in ­verschiedensten politischen Funktionen aktiv.

6. Chile / Argentinien

Nach jahrzehntelangem Streit um den Grenzverlauf im Beagle-Kanal verhinderte Papst Johannes Paul II. 1978 in buchstäblich letzter Sekunde einen blutigen Krieg unkalkulierbaren Ausmaßes zwischen Chile und Argentinien. Sechs Jahre lang arbeiteten die päpstlichen Gesandten am letztlich erfolgreichen Abschluss eines „Friedens- und Freundschaftsvertrags“ zwischen den Nachbarstaaten.

7. Kambodscha

Nach der Schreckensherrschaft von Pol Pot und den Roten Khmer in Kambodscha, der zwei Millionen Menschen – rund ein Viertel der Bevölkerung – zum Opfer gefallen waren, begann der buddhis­tische Mönch Maha Ghosananda 1979 eine ­Friedens- und Versöhnungsbewegung, die sich zu einer wichtigen Kraft und unüberhörbaren Stimme in Politik und Gesellschaft entwickelt hat.

8. Europa

Die von Pastor Frank Buchman initiierte „Moralische Aufrüstung“ (heute „Initiativen der Veränderung“ in Caux/Schweiz) leistete in vielen Konflikten informelle Vermittlungsarbeit und sogenannte diploma­tische „Gute Dienste“. Maßgeblich trug sie zur Verständigung und Versöhnung zwischen den einstigen „Erbfeinden“ Deutschland und Frankreich nach dem Zweiten Weltkrieg bei, die zudem von Kirchenvertretern beider Seiten vorangebracht wurde.

9. Indien

Im britisch besetzten Indien zur Zeit Gandhis war es der Muslim Khan Abdul Ghaffar Khan, der in der Nordwest-Grenzprovinz eine streng islamische, doch ebenso streng gewaltlose und religiös tolerante Widerstandsbewegung aufbaute, die „Diener Gottes“ (Khudai Khitmatgaran). Ausgerechnet im Volk der Paschtunen, deren Gewaltneigung berüchtigt war, entwickelte sich eine Opposition, die friedlich für ethnische Selbstbestimmung und ein einheitliches, multireligiöses Indien kämpfte. Für einige Jahre vollzog sich eine gesellschaftliche Transformation, die Gandhi staunend als „modernes Märchen“ bezeichnete. 

10. Philippinen

Die weitgehend gewaltlose Überwindung der Unterdrückungsherrschaft  des philippinischen Diktators Ferdinand Marcos war 1986 in erster Linie dem  Engagement weiter Teile der katholischen Kirche zu verdanken. Vor allem ­Ordensleute und Priester in den Basisgemeinden überzeugten das Volk von ­einem gewaltlosen Vorgehen und legten den Grundstein für den Erfolg der „Rosenkranz-Revolution“. 

11. Kaschmir

Schon im indisch-pakistanischen Grenzkonflikt in Kaschmir (1965/66) und im blutigen Bürgerkrieg in der nigerianischen Provinz Biafra (1967–70) waren Vertreter der historischen Friedenskirche der Quäker vermittelnd aktiv und sind dies bis heute in zahlreichen gewalttätigen Auseinandersetzungen – jedoch ganz bewusst hinter den Kulissen, abseits der medialen Aufmerksamkeit. 

12. Lateinamerika

In Nicaragua, El Salvador, Guatemala und anderen lateinamerikanischen Staaten waren (besonders  in den 1980er- und 1990er-Jahren) einzelne katholische Bischöfe, aber auch der Ökumenische Rat  der Kirchen (ÖRK), der Lutherische Weltbund und mennonitische Vermittler in vielfältiger und  entscheidender Weise an der Überwindung von Gewaltkonflikten beteiligt. 

13. Religions For Peace

In Bosnien-Herzegowina und im Kosovo, in Liberia, Sierra Leone und anderen Ländern trugen nationale Interreligious Councils durch ganz unterschiedliche Aktivitäten zur konstruktiven Bearbeitung von politischen Konflikten bei, initiiert zumeist von der ­interreligiösen Friedensorganisation Religions for Peace. So ist es dem Interreligiösen Rat von Bosnien-Herzegowina, IRC-BiH, gelungen, in Eigenregie einen Gesetzentwurf über Religionsfreiheit und das Verhältnis von Staat und Religion zu erarbeiten, den 2004 alle drei Ethnien bzw. Teilrepubliken mit ­einhelliger Zustimmung als Gesetz verabschiedet haben. In Sierra Leone indessen verhinderte der Interreligiöse Rat durch frühzeitiges Engagement, dass der Bürgerkrieg religiös aufgeladen wurde. Zwar konnte dies den Bürgerkrieg nicht verhindern, trug aber zur Deeskalation bei und erleichterte die ­Verständigung der einstigen Konfliktparteien nach dem Ende der Gewalt.

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