Schnell aufbauen, schnell helfen

Die junge Architektin Sarah Friede hat eine modulare Klinik entworfen. Ihr Konzept könnte die humanitäre Hilfe revolutionieren.

Sarah Friedes Entwurf für ein modulares Krankenhaus in Homs.
Sarah Friedes Entwurf für ein modulares Krankenhaus in Homs. Fachhochschule Lübeck

Deutschland. Schwerverletzte Menschen, die in stark beschädigten Krankenhäusern nur notdürftig versorgt werden können – das sind besonders erschütternde Bilder aus Kriegs- und Katastrophengebieten. So schnell wie möglich muss medizinische Infrastruktur wieder funktionieren. Mit diesem Ansatz hat Sarah Friede im Rahmen ihrer Masterarbeit an der Fachhochschule Lübeck ein Krankenhaus-Baukastensystem entwickelt. Standardisierte Module – rechteckige Kästen mit Stahlrahmen — lassen sich zu unterschiedlichen Raumgrößen verbinden und über mehrere Etagen stapeln. Aus einem Bauelement können Operationssäle, Krankenzimmer oder Labore entstehen. Leitungen und Steckdosen werden vorinstalliert. Der Prototyp, ein siebenstöckiger Bau mit zwei U-förmigen Trakten soll in Syrien realisiert werden. Der Impuls dazu kam von Professor Oliver Rentzsch, Experte für Medizinwirtschaft.

Frau Friede, Herr Rentzsch, was ist die Vorgeschichte des Projekts?

Oliver Rentzsch: „Ich war für die Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Syrien für eine Bestandsaufnahme der Gesundheitsversorgung unterwegs. Angesichts der Zerstörung der Klinik in der Stadt Homs und dem Zustand anderer Krankenhäuser war klar, dass wir nicht um Neubauten herumkommen. Dabei gab es mehrere Probleme: Es muss schnell gehen, günstig und hochwertig sein und es muss vor Ort gemacht werden können. Damit wandte ich mich an die Fachhochschule Lübeck, und so ist das Projekt zu Frau Friede gekommen.

Architektin Sarah Friede
Architektin Sarah Friede Privat

Frau Friede, welche architektonischen und kulturellen Herausforderungen gab es für Sie?

Zuerst fand ich es schwierig, eine Klinik für eine andere Kultur zu planen. Im Studium haben wir die Richtlinien für den Krankenhausbau in Deutschland und Europa durchgenommen. Aber in Syrien ist der Bedarf in einigen Bereichen anders, es gibt eine viel höhere Geburtenrate, auch Geschlechtertrennung spielt eine Rolle. Zudem gelten in Krisensituation andere Prioritäten in den Klinikabläufen. Eine große Hilfe war der Kontakt zu einem Syrer mit Angehörigen im Gesundheitswesen. Er hat mir Informationen und Pläne besorgt und aus dem Arabischen übersetzt. Bei der Gestaltung der Fassade, Räume und Innenhöfe habe ich versucht, einen kulturellen Bezug herzustellen. Auch durch die Tatsache, dass das Krankenhaus im Land von Syrern errichtet wird, erreichen wir die größtmögliche Akzeptanz.

Das modulare Krankenhausmodell von Sarah Friede ist ein Meilenstein für das globale Miteinander.

Prof. Dr. med. Oliver Rentzsch

Herr Rentzsch, welchen Stellenwert hat Sarah Friedes modulare Klinik für die humanitäre Hilfe?

Es ist eine kleine Revolution. Mit dem „Friede-Modell“ können wir schnell und gut medizinische Versorgung anbieten – kulturell angepasst, in der nötigen Individualität, in beliebiger Größe und flexiblem Zuschnitt. Damit sind alle Anforderungen erfüllt, die ein solcher humanitärer Einsatz mit sich bringt. Der Entwurf ist auch ein Meilenstein für das globale Miteinander, weil wir so die Chance haben, allen Menschen zu ihrem Grundrecht auf medizinische Versorgung zu verhelfen.

Medizinwissenschaftler Oliver Rentzsch
Medizinwissenschaftler Oliver Rentzsch Privat

Wann kann der der Klinikneubau in Homs beginnen?

Die Finanzierung ist noch in der Schwebe und die Feinplanung noch nicht fertig. Immerhin: Die Behörden in Syrien wollen das „Friede-Modell“ umsetzen. Und wir haben die Zusage der WHO, das Projekt zu unterstützen. Das ist schon ganz viel. Es ist „nur noch“ eine politische Entscheidung der Geldgeber. Fest steht: Humanitär gibt es keine Alternative dazu. Unabhängig von Interessenslagen der Länder muss vor Ort geholfen werden.

Wenn die Freigabe kommt – wie schnell geht es dann mit der Umsetzung?

Wenn das grüne Licht für das Projekt in Homs morgen käme, könnten wir Anfang 2019 fertig sein. Generell brauchen wir etwa ein Jahr Vorlauf und ein Jahr bis zur Fertigstellung. Danach geht es für weitere Kliniken an anderen Standorten rasend schnell. Dank der modularen Bauweise ist das dann ein Automatismus, den die verantwortliche Regierung in Eigenregie umsetzt.

So ist unser Verständnis von Notfallhilfe: Unterstützung beim Transfer von Technologie aus Deutschland zur humanitären Lösung von Problemen. Aber Umsetzung und Verantwortung müssen lokal verankert sein; nur so ist es nachhaltig. Ich denke, weitere Länder werden das „Friede-Modell“ übernehmen, weil die Technik überzeugt.

Frau Friede, haben Sie Pläne, dieses modulare Modell auf andere Bauten zu übertragen?

Es steht die Idee im Raum, das Konzept auf Schulen zu übertragen, aber das ist noch nicht konkret. Jetzt gilt es zunächst, das Krankenhausprojekt zu Ende zu entwickeln, bis der Prototyp steht. Ich kann mir sehr gut vorstellen, den Ansatz auf andere Projekte für humanitäre Hilfe zu übertragen.

Weitere Informationen: AIHD Modular System

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